Zucht aus Glas

Foto: Jpbarrass (Wiki Commons)
Foto: Jpbarrass (Wiki Commons)

Während noch vor wenigen Jahren der private Kauf von Kleintieren bei einem_einer Züchter_in relativ unkritisch war und es meist bei einem Telefonat und einer kurzen Begegnung während der Übergabe der neuen Hausgenossen blieb, sind die Ansprüche beider Parteien an ihr Gegenüber in den letzten Jahren gewachsen.

Dies hat nicht nur Vorteile.
Während eine Partei beispielsweise das Versenden von Käfigfotos als berechtigtes Einfordern von Transparenz sieht, versteht die "Gegenseite" dies als Misstrauenszeugnis und unverhältnismäßigen Eingriff in die Privatsphäre. Hinzu kommt, dass fraglich ist, ob es sich bei Fotos der Käfige, sowohl bei Halter_in als auch Züchter_in überhaupt um ein gutes Bewertungskriterium handelt.

 

Der folgende Artikel ist eine subjektive Zustandsbeschreibung, hangelt sich in erster Linie am Thema "Käfigfotos" entlang und liefert keine konkreten Auswege.

Wachsende Ansprüche an Halter_in und Züchter_in

Eine positive Entwicklung der letzten Jahre ist, dass Kleintierfreund_innen nicht mehr unkritisch im Zoohandel kaufen sondern sich schon im Vorfeld sehr genau über ihre neuen Heimtiere informieren und auch über Tierschutz bestens Bescheid wissen. So hat sich nicht zuletzt durch das Internet eine breite Community gebildet, in der oftmals auf hohem Niveau sämtliche Themen rund um die Haltung von Nagetieren und anderen Kleinsäugern diskutiert und informiert wird.

Webseiten, Blogs und Internetforen verweisen oft auch auf Tiere in Tierheimen oder in Vereinen, die sich auf die Vermittlung von Kleinsäugern spezialisiert haben (Hamsterhilfen).

Schon vor den Zeiten des Internets sind auch in der Hobbyliteratur die Empfehlungen zu Käfigmaßen immer weiter gestiegen. Dieser Trend setzt sich fort, sodass nicht nur Züchter_innen von Abnehmer_innen immer bessere Haltungsbedingungen erwarten, sondern umgekehrt auch Interessent_innen am liebsten Tiere kaufen wollen, die in großen, reich strukturierten Zuchtkäfigen aufwachsen.

Generalverdacht und gegenseitiges Misstrauen

"Seriosität" ist in der Kleintierzucht ein großes Wort, ein Prädikat. Demgegenüber ist "unseriös" geradezu ein Stigma. Ich will nicht infragestellen, dass es unseriöse Zuchten gibt. Jedoch muss über die Beweisketten nachgedacht werden, über die von außen auf die Seriosität eines_einer Züchter_in geschlossen wird. Nehme ich nur meine Beobachtungen zu Kleinanzeigen und Zuchtwebseiten neuer und unbekannter Anbieter_innen der letzten sechs Wochen als Beispiel, gibt es folgende Denkweisen innerhalb der rezipierenden Community:

Bilder großer Käfige bedeuten "Gute Zucht"

Bilder kleiner Käfige bedeuten "Schlechte Zucht / Vermehrer_in"

Werden gar keine Bilder der Käfige gepostet, ist die Schlussfolgerung besonders bemerkenswert:

Keine Bilder bedeuten kleine Käfige, also "Schlechte Zucht / Vermehrer_in"

Nie kommt jedoch der Schluss zustande:
Keine Bilder bedeuten große Käfige, also "Gute Zucht"


Wer keine Fotos seiner Käfige postet, macht sich verdächtig und wird schnell für "schuldig" erklärt. Hier gilt es, aufzupassen: Nach "--> Vermehrer_in" kommt nur noch "--> Tierquäler_in".

Wer sich also weigert, seine_ihre Haltungspraxis zu offenbaren, egal ob Züchter_in oder Liebhaber_in, muss im schlechtesten Fall damit rechnen, mit einem Stigma belegt zu werden, welches er_sie schwer wieder los wird.

Ende der Privatsphäre

Bei der Suche nach Züchter_innen von Chinesischen Streifenhamstern habe ich ganz unbeabsichtigt eine Diskussion in einer Facebook-Gruppe ausgelöst. Die User_innen waren sich einig, dass eine verlinkte Zucht nicht seriös sei, weil keine Bilder der Zuchtkäfige auf der Webseite präsentiert würden.
Obwohl ich es war, der nach Kontakten zu Züchter_innen gesucht hatte, kündigte eine Userin, die offensichtlich nicht auf der Suche nach neuen Hamstern ist, im Verlauf der Diskussion an, die Zucht anzuschreiben und sich Fotos der Käfige schicken zu lassen. Es ging also nicht darum, sich vor dem Kauf bei einer Zucht über deren Praxis zu informieren, sondern lediglich um eine Art hilfspolizeiliche Einholung von Beweisen.

 

Ich kann und will mir kein Urteil über die angesprochene Zucht erlauben, nur weil für die angesprochene Tierart keine umfassende Bilddokumentation vorliegt (im Übrigen fanden sich auf betreffender Webseite durchaus Käfigfotos für eine andere Nagerart).
Fotos von der Zuchtanlage zu zeigen, bedeutet ohne ausreichende Fotografiekenntnisse oder das Herstellen einer künstlichen Studiosituation oft auch Fotos des eigenen Wohnraums zu zeigen und damit ein Stück Privatsphäre für jede_n Internetuser_in potenziell sichtbar zu machen. Züchter_innen sind ohnehin schon oft genug damit kofrontiert, faktisch völlig fremden Abnehmer_innen Zugang zu ihrem privaten Wohnraum zu gewähren. Bei nur zehn Würfen im Jahr und etwa vier bis fünf Abgabetieren pro Wurf bedeutet dies, dass man durchschnittlich fast jedes zweite Wochenende die Wohnungstür für Interessent_innen öffnet, sofern alle wirklich selbst abholen.

Züchter_innen sind also ohnehin schon gezwungen, einer nach Jahren kaum mehr überschaubaren Zahl von größtenteils Unbekannten ein Stück ihrer Privatsphäre zu offenbaren. Die Forderung nach Käfigfotos auf der Webseite oder gar nach dem Versenden per Email (nur um einen Anfangsverdacht zu erhärten, wie in oben genanntem Beispiel) stellen eine zusätzliche Belastung dar.

Dass Züchter_innen und Halter_innen ihre Privatsphäre schützen, muss geduldet werden. Wer das nicht respektiert, kann bei anderen kaufen oder an andere verkaufen.
Jedoch ist fraglich, ob man tolerieren muss, dass Menschen, die noch nicht einmal an Abgabetieren interessiert sind, sich einmischen, Züchter_innen verdächtigen und diese mit dem Anfordern von Käfigfotos in eine Situation bringen, in der sie sich plötzlich verteidigen und ihre Unschuld beweisen müssen.

Wer oder was legitimiert diese Vorgehensweise?

Gerüchte und Internet-Denunziantentum

Vor kurzem wurde in einer geschlossenen Gruppe des sozialen Netzwerks Facebook folgender Text gepostet:

"Hallo, ich habe kürzlich erfahren das eine Züchterin (aktives Mitglied hier [...]), ziemlich unseröse "Geschäfte" mit ihren Nachzuchten betreibt. Die Tiere werden ständig verpaart und wenn sie nicht erfolgreich vermittelt werden, werden sie entweder an andere eher "unbekannte" Züchter abgegeben und unter deren Namen bei Ebay angeboten, oder sie werden als Schlangefutter verkauft. Ich bin schockiert! Als aktives Mitglied einer Tierschutzorganisation distanziere ich mich von solchen Zucht-und Vermittlungs-Methoden, sowie Gruppen und Foren, wo solche Mitglieder vertreten und willkommen sind."

Die Schreiberin hat die Gruppe postwendend verlassen und konnte die Frage anderer User_innen, um wen es sich bei benannter Züchterin handelt, glücklicherweise nicht mehr beantworten.

 

Oftmals gehen die Ansichten zum Thema Zucht weit auseinander. Heute werden immer noch Zuchtpaare ständig zusammengehalten, was das Muttertier auslaugt und den Zuchtfortschritt verlangsamt. Ebenso gibt es immer noch eine emotional geführte Debatte über das Verfüttern von Nachzuchten und Zuchttieren.

Dennoch: Diskussionen rund um Zuchtthemen sollten von den direkt Beteiligten geführt werden und nicht öffentlich unter Ausschluss der betroffenen Personen.
Es ist klar ersichtlich, dass bei dem vorgestellten Paradebeispiel bewusst Gerüchte weiterverbreitet werden, deren Wahrheitsgehalt nicht überprüft wurde (oder werden konnte). Im Übrigen wird ausschließlich durch die skandalisierende Aufmachung des Textes das Verhalten der unbekannten Züchterin dramatisiert. Es mag zweifelhaft sein, ob ein Weibchen "ständig verpaart" werden sollte, aber die Abgabe an "'unbekannte' Züchter" ist genauso wenig verwerflich wie der Verkauf von Futtertieren. "Unseriöse Geschäfte" entstehen wohl eher durch das, was andere aus ihnen machen.

Der Service-Gedanke

Vor zwei Wochen kommentierte Userin TheFeldhamster den Artikel "Eine Zucht beginnen" mit dem Hinweis, dass Abnehmer_innen "heutzutage Tiere aus großen und schön eingerichteten Gehegen und nicht als Makrolons" haben wollen. Und man bei einer Zuchthaltung auf vergleichsweise kleinem Raum "als unseriöseR VermehrerIn abgestempelt" werden könnte.

 

Dies ist zweifelsohne einleuchtend. Züchter_innen die auf ihrer Webseite Laborkäfige zeigen, könnten "Absatzprobleme" mit ihren Nachzuchten bekommen. Ebenso kann es vorkommen, dass Personen, die Fotos von kleinen Käfigen als zukünftiges Nagetierheim vorweisen, niemanden finden, der_die ihnen Nachzuchten verkauft.

Dennoch: private Kleintierzucht ist kein Servicebetrieb. Sicher ist es wichtig, dass man nicht auf seinen Nachzuchten "sitzen bleibt", da man nie alle behalten kann, jedoch züchtet ein_e Züchter_in für sich und für das Voranbringen der jeweiligen Tierart. Wer nur züchtet, um andere zu beliefern hat etwas Grundlegendes an der Zucht nicht verstanden.

Genauso hat die Haltung in sehr großen oder eher kleinen Käfigen nicht viel Aussagekraft, was die Qualität der Tiere angeht. Die Größe und Struktur der Käfige gibt höchstens einen Anhaltspunkt. Zumal die Einschätzung groß/klein subjektiv und relativ ist. Ein Terrarium mit einer Bodenfläche von 80x40 cm gilt für viele als klein, für andere jedoch als groß.

Zweierlei Maß?

Die gegenseitige Forderung von Züchter_innen und Halter_innen nach großen Käfigen und deren Bildbeweis ist schon allein aus oben genannten Gründen durchaus ambivalent zu betrachten.

Dennoch scheint sich gerade auf der Seite der Nicht-Züchter_innen ein Wertesystem herausgebildet zu haben, nach dem Züchter_innen und Vermehrer_innen eingeordnet werden und ihnen bestimmte Dinge erlaubt/verboten/verziehen/angekreidet werden.
Etwa die Hälfte der Züchter_innen die ich in meiner Linkliste empfehle hat keine Käfigfotos und erfreut sich dennoch eines gewissen Renommées innerhalb der sogenannten Community. Auch auf meiner Webseite findet sich kein Käfigfoto und bislang hat niemand danach gefragt.

Dass Abnehmer_innen der einen Person das Fehlen von Fotos gerne durchlassen (weil sie sich durch andere Qualitäten verdient gemacht haben?), einer anderen jedoch sämtliche Fähigkeiten in Sachen Zucht nur aufgrund fehlender Käfigbilder absprechen, ist doch sehr bezeichnend. Umgekehrt schaffen es auch Vermehrer_innen, die mit qualitativ schlechten Zuchttieren arbeiten und ohne Ziel vermehren scheinbar allein durch die Präsentation von schönen Fotos großer Käfige sofort, in den imaginären Zucht-Olymp gehoben zu werden. Dass mit zweierlei Maß gemessen wird, wird jedoch noch deutlicher, betrachtet man die hier bekannten Zwerghamsterzüchter_innen im benachtbarten Ausland. Auch wenn deren Webseiten Fotos ihrer Zuchthaltung in Makrolonboxen oder gar Faunaboxen zeigen, tut das der Begeisterung für ihre Tiere und ihre Zucht keinen Abbruch.

 

Unterm Strich lässt sich sagen: Wer nicht offen legt, wie seine_ihre Zucht aussieht, muss damit rechnen allein deshalb in Verruf zu geraten, sofern er_sie keinen Sonderstatus erlangt hat.

Niemand ist gezwungen, Forderungen die ihm_ihr unverhältnismäßig erscheinen, letztendlich auch nachzukommen, jedoch muss man mit den "Konsequenzen" leben können. Und das geht meistens sehr gut.

 

Und zum Schluss doch ein Ratschlag: Wer keine Fotos von seinen Käfigen machen will, weil er_sie sich für deren geringe Abmessungen schämt, sollte etwas an der Haltung ändern.

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Kommentare: 1
  • #1

    Ariane Fink (Freitag, 25 Januar 2013 16:05)

    Danke Stefan, für diesen wirklich gut geschriebenen Artikel. Das Problem erkannt und auf den Punkt gebracht. Gerade die Sache mit der Privatsphäre sehe ich genauso. Ich möchte auch nicht, dass Jeder öffentlich sehen kann wie wir leben/eingerichtet sind etc.
    Bei uns gilt seit jeher: Bitte Termin vereinbaren und selbst ein Bild machen.

    Viele Grüße
    Ariane (Goldhamsterzucht Mc Finch, Rheinland Pfalz)