Nagetier-Hybriden

Familie, Gattung, Art, Unterart
Familie, Gattung, Art, Unterart

Die zoologische Systematik ist ein wissenschaftliches Konstrukt, das die Tierwelt nach ihren Verwandschaftsverhältnissen in Gruppen und Untergruppen unterteilt. So werden nah verwandte Arten wie etwa Löwe und Tiger in eine gemeinsamen Gattung (Panthera) eingeführt. Insbesondere unter Vertretern einer Gattung sind in einzelnen Fällen Kreuzungen möglich. Fortpflanzungsverhalten und Anatomie sind sich so ähnlich, dass die Tiere sich als Sexualpartner erkennen. Teilweise entsteht hier auch lebensfähiger Nachwuchs. Die bekanntesten Beispiele dürften Maultiere und Maulesel sein, die aus der Kreuzung von Hauspferd und Hausesel entstehen. Arthybriden sind sehr häufig unfruchtbar, jedoch gibt es auch Kreuzungen aus zwei verschiedenen Arten deren Nachkommen sich selbst auch wieder fortpflanzen können, wie etwa "Liger", die Kreuzung aus Löwe x Tiger.

 

Sehr viel häufiger als Artkreuzungen gelingen jedoch die Kreuzungen von Unterarten (also genetisch gering verschiedene Varianten einer gemeinsamen Art). Solche Kreuzungen kommen mitunter unbemerkt vor, da oftmals nicht erkannt wird, dass zwei Zuchttiere verschiedenen Unterarten angehören.

Absterbende Keime und Geburtskomplikationen

Der Campbell-Zwerghamster (Phodopus campbelli) wurde zunächst nicht als eigene Art erkannt, sondern als Unterart des Dsungarischen Zwerghamsters (Phodopus sungorus) angesehen. Bei der Kreuzung der beiden Kurzschwanz-Zwerghamsterarten kommt es mitunter zu lebensfähigem und fruchtbarem Nachwuchs.

Dass Kreuzungsexperimente nicht ungefährlich sind, zeigen die Komplikationen von denen austragende oder gebärende Muttertiere betroffen sind. Dies kommt zum Beispiel bei der Kreuzung von Dsungarischer Zwerghamster (♀) x Campbell-Zwerghamster (♂) (vgl. Safronova & Vasil’eva 1996) und bei Sinai-Stachelmaus (♀) x Kretastachelmaus (♂) vor (vgl. Eisentraut & Dieterlen 1969). Bei einem Kreuzungsversuch Feldhamster (Cricetus cricetus) x Goldhamster (Mesocricetus auratus) wurde das Muttertier zwar trächtig, hat jedoch nicht geworfen. Die Embryonen sind abgestorben (vgl. Petzsch 1953). Anders bei einem Kreuzungspartner aus der gleichen Gattung: Goldhamster x Rumänischer Hamster (M. newtoni) produziert Jungtiere, jedoch sind diese nur teilweise fortpflanzungsfähig (vgl. Raicu & Bratosin 1968).

 

Selbst wenn Trächtigkeit und Geburt ohne Komplikationen verlaufen, ist es bei manchen Kreuzungen dennoch möglich, dass die Neugeborenen nicht lebensfähig sind. Zwar wurde angenommen, dass manche Inseln ausschließlich von Hybridpopulationen von Hausratte (R. rattus) x Wanderratte (R. norvegicus) bevölkert sind. In Laborversuchen zeigte sich jedoch, dass bei eine Kreuzung beider Arten nur äußerst selten gelingt und bei einem Wurf alle Jungtiere kurz nach der Geburt sterben.


Von gescheiterten Versuchen der Kreuzung von Waldmaus (Apodemus sylvaticus) x Gelbhalsmaus (Apodemus flavicollis) berichtet Zimmermann (1957). Beim Zusammenbringen von ausgewachsenen Tieren verhielten sich Gelbhalsmäuse beider Geschlechter aggressiv gegenüber den kleineren Waldmäusen. Zu Paarungen kam es nur bei Tieren, die miteinander aufgewachsen sind. Diese blieben jedoch ergebnislos.  Spätere Untersuchungen konnten erfolgreiche Hybridisierungen erzielen. (vgl. Amtmann 1965 zit. v. Zimmermann 1965, S. 315)

Hybridpopulationen und Artenvielfalt

Während gescheiterte Kreuzungsversuche oftmals dazu führen, dass Züchter_innen von Experimenten ablassen, haben lebensfähige und fertile Hybriden ernstzunehmende Auswirkungen auf die Bestände in der Tierhaltung. Schnell kann es dazu kommen, dass Nachkommen aus Hybridzuchten unerkannt auf den Markt gebracht werden und man je nach Größe der Population innerhalb kürzester Zeit nicht mehr sagen kann, ob es überhaupt noch artreine Tiere im Handel gibt. Das von Phodopus-Zwerghamstern vertraute Problem kennen auch die Halter_innen von Shaw-Rennmäusen (Meriones shawi), welche immer auch Libysche Rennmäuse (Meriones libycus) als Vorfahren haben können. Ebenso ist davon auszugehen, dass die meisten oft als Futtertiere gehaltenen Vielzitzenmäuse (Mastomys) eine Mischung aus M. coucha x M. natalensis und eventuell auch anderen Arten sind.

Die Möglichkeit der Kreuzung von Striemengrasmäusen (Rhabdomys) ist Teil der Arbeit von Stippel (2009). Die Vermischung von Rh. dilectus x Rh. pumilio ist auch ein Thema in der europäischen Kleinsäugerhaltung. Halter_innen sind sich teilweise nicht bewusst, dass es zwei Arten gibt oder wissen nicht, welcher Art ihre Tiere angehören. Beim Austausch von Zuchttieren untereinander kann es deshalb zu (ungewollter) Vermischung der Arten kommen.

Peromyscus bald nur noch als Hybrid bei uns?
Peromyscus bald nur noch als Hybrid bei uns?

Bei den vielen in Europa gehaltenen Stachelmaus-Arten (Acomys) kam und kommt es ebenfalls zu Vermischungen, sodass Züchter_innen einer bestimmten (Unter-)Art oft Probleme haben, Tiere zu finden, bei denen eine Hybridisierung ausgeschlossen ist. Seit 2012 werden zudem vereinzelt fruchtbare Peromyscus-Hybride Hirschmaus (P. maniculatus) x Küstenmaus (P. polionotus) angeboten. Dass die in den 2000er Jahren nach Europa eingeführten Küstenmäuse wahrscheinlich bereits auf Artkreuzungen zurückgehen, wurde an anderer Stelle bereits dargelegt.

Zur Wahrung der Artenvielfalt ist es auch in der Heimtierhaltung wichtig, darauf zu achten, nur (unter-)artgleiche Tiere zu verpaaren und nachvollziehbare Stammbäume anzulegen. Heute müssen wir damit leben, dass nur wildgefangene Phodopus-Zwerghamster artrein sind, weil zu viel experimentiert und Tiere undokumentiert in den Handel gebracht wurden. Jedoch wäre es ein beträchtlicher Einschnitt in die Formenvielfalt in der Zoo- und Heimtierhaltung, gäbe es z.B. auch innerhalb der Stachelmäuse statt der  verschiedenen Arten und Unterarten nur noch eine einzige Mischform.

Nichtsdestotrotz bleib auch darauf hinzuweisen, dass Vermischung von Tierarten auch in der Natur vorkommt und so neue Arten entstehen können. Dies ist zum Beispiel beim Teichfrosch (Pelophylax kl. esculentus)  der Fall und wird bei afrikanischen Meerkatzen (Cercopithecus), dem Rotwolf (Canis rufus) und dem Wisent (Bison bonasus) vermutet. Nicht zuletzt ist auch der größte Teil der Menschheit (Homo sapiens) nicht "artrein" sondern trägt unter anderem einen auf Artkreuzung zurückzuführenden Teil Neandertaler-Gene (H. neandertalensis) in sich.

Mastomys hybrid?
Mastomys hybrid?

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Aktualisiert 04/2018

 

Hybridenartikel hier im Blog


Kontroverse über Artreinheit

 

Amtmann, E. (1965): Biometrische Untersuchungen zur introgressiven Hybridisation der Waldmaus (Apodemus sylvaticus) und der Gelbhalsmaus (Apodemus tauricus). Zeitschrift für zoologische Systematik und Evolutionsforschung, 3: 103–156.

 

Eisentraut, M. & F. Dieterlen (1969): Kreuzungsversuche mit den beiden Stachelmaus-Arten Acomys dimidatus Cretzschmar und Acomys minous Bate (Muridae: Rodentia). Zoologische Beiträge, N.F. 15. S. 329–346

 

Petzsch, H. (1953): Über Zusammengewöhnungsversuche zwischen Cricetus cricetus L., Mesocricetus auratus Waterhouse und Arvicola terrestris L. sowie dabei beobachtete ergebnislose Begattungen. Zoologischer Anzeiger, 151. S. 134–138.

 

Raicu, P. & S. Bratosin (1968): Interspecific reciprocal hybrids between Mesocricetus auratus and M. newtoni. Genetical Research, 11. S. 222–226.

 

Safronova , L. D. & N. Y. Vasil’eva (1996): Meiotic abnormalities in interspecific hybrids between Phodopus sungorus (Pallas, 1773) and Ph. campbelli (Thomas, 1905). Genetika, 32. S. 560–569.

 

Stippel, B. (2009): Reproductive isolation in four populations of the striped mouse Rhabdomys. Dissertation. Faculty of Science, University of the Witwatersrand, Johannesburg, South Africa. http://wiredspace.wits.ac.za/bitstream/handle/10539/7363/Brian%20Stippel%20-%20MSc%202009.pdf?sequence=1

 

Zimmermann, K. (1957): Sind Gelbhalsmaus und Waldmaus miteinander kreuzbar? Zeitschrift für Sägetierkunde (22). S. 214–217 http://www.zobodat.at/pdf/Zeitschrift-Saeugetierkunde_22_0214-0217.pdf

 

Zimmermann, K.  (1965): Art-Hybriden bei Rötelmäusen. Zeitschrift für Sägetierkunde (30). S. 315–320

http://www.zobodat.at/pdf/Zeitschrift-Saeugetierkunde_30_0315-0320.pdf

 

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