Nagetier-Hybriden

Familie, Gattung, Art, Unterart
Familie, Gattung, Art, Unterart

Die zoologische Systematik ist ein wissenschaftliches Konstrukt das die Tierwelt nach ihren Verwandschaftsverhältnissen in Gruppen und Untergruppen aufteilt. Nah verwandte Tiere wie etwa Löwe und Tiger werden zum Beispiel in einer gemeinsamen Gattung (Panthera) geführt.

Nicht allein ob der nahen Verwandtschaft sondern aufgrund anatomischer und chromosomaler Bedingungen lassen sich Löwe und Tiger untereinander kreuzen und lebensfähigen Nachwuchs zeugen. Je näher Arten verwandt sind, desto wahrscheinlicher entsteht fortpflanzungsfähiger Nachwuchs. Und desto wahrscheinlicher ist auch, dass die Tiere eventuell nicht als zwei verschiedene Arten sondern als verschiedene Unterarten (also genetisch gering verschiedene Varianten einer gemeinsamen Art) angesehen werden.

Wie wackelig dieses Konstrukt der Systematik ist, zeigt der Fall des Campbell-Zwerghamsters (Phodopus campbelli) welcher zunächst gar nicht als eigene Art erkannt, sondern als Unterart des Dsungarischen Zwerghamsters (Phodopus sungorus) angesehen wurde.
Nicht nur zwischen Löwe und Tiger oder den beiden Kurzschwanz-Zwerghamsterarten aus der sogenannten sungorus-Gruppe kommt es mitunter zu lebensfähigem und vor allem fruchtbarem Nachwuchs.

Während Vermischungen von Unterarten relativ häufig auch unbemerkt vorkommen und man selten davon ausgehen kann, dass Bestände in Deutschland unterartenrein sind, kommt es bei verschiedenen Nagetieren auch dazu, dass Artkreuzungen "glücken" und teilweise fertile Mischlinge (Hybriden) entstehen.


Peromyscus bald nur noch als Hybrid bei uns?
Peromyscus bald nur noch als Hybrid bei uns?

Dass solche Experimente nicht ungefährlich sind, zeigt nicht zuletzt, dass Muttertiere, die Hybriden austragen oft vor, während oder nach der Geburt bedingt durch die anatomische Verschiedenheit der Hybrid-Embryonen von den arteigenen Nachkommen sterben. Dies kommt zum Beispiel bei weiblichen Dsungarischen Zwerghamstern x Campbell-Zwerghamster vor. Bei einem Kreuzungsversuch Feldhamster (Cricetus cricetus) x Goldhamster (Mesocricetus auratus) wurde das Muttertier zwar trächtig, jedoch gab es keinen Nachwuchs. Anders bei einem Kreuzungspartner aus der gleichen Gattung: Goldhamster x Rumänischer Hamster (M. newtoni) produziert Jungtiere, jedoch sind diese nicht fortpflanzungsfähig. In der Gattung Rattus ergab die Vermischung von Hausratte (R. rattus) x Wanderratte (R. norvegicus) zwar einen Wurf, jedoch starben alle Jungtiere kurz nach der Geburt.

Ist der in der Heimtierhaltung entstandene Nachwuchs lebensfähig und fertil und kommt es zu einem Einbringen der Tiere in den Markt, kann es (je nach Größe der Population) sein, dass man innerhalb kürzester Zeit nicht mehr sagen kann, ob es überhaupt noch artreine Tiere im Handel gibt. Das von Phodopus-Zwerghamstern altbekannte Problem kennen auch die Halter von Shaw-Rennmäusen (Meriones shawi), welche immer auch Libysche Rennmäuse (Meriones libycus) als Vorfahren haben können. Ebenso ist davon auszugehen, dass die meisten von uns oft als Futtertiere gehaltenen Vielzitzenmäuse (Mastomys) eine Mischung aus M. coucha und M. natalensis und eventuell auch anderen Arten sind. Bei den vielen in Europa gehaltenen Stachelmaus-Arten (Acomys) kam es auch zu Vermischungen, sodass Züchter_innen einer bestimmten (Unter-)Art oft Probleme haben, Tiere zu finden, bei denen Hybridisierung ausgeschlossen ist. Neuerdings werden zudem vereinzelt fruchtbare Peromyscus-Hybride Hirschmaus (P. maniculatus) x Küstenmaus (P. polionotus) angeboten.

Mastomys hybrid?
Mastomys hybrid?

Zur Wahrung der Artenvielfalt ist es auch in der Heimtierhaltung wichtig, darauf zu achten, nur artgleiche Tiere zu verpaaren und nachvollziehbare Stammbäume anzulegen. Heute müssen wir damit leben, dass nur wildgefangene Phodopus-Zwerghamster artrein sind, weil zu viel experimentiert und undokumentiert in den Handel gebracht wurde, jedoch wäre katastrophal, würde es z.B. auch innerhalb der Stachelmäuse nur noch eine einzige Mischform und nicht mehr die vielen verschiedenen Arten und Unterarten geben.
Dennoch ist darauf hinzuweisen, dass Vermischung von Tierarten auch in der Natur vorkommt und so neue Arten entstehen können. Dies ist zum Beispiel beim Teichfrosch (Pelophylax kl. esculentus)  der Fall und wird bei afrikanischen Meerkatzen (Cercopithecus), dem Rotwolf (Canis rufus) und dem Wisent (Bison bonasus) vermutet. Nicht zuletzt ist auch der größte Teil der Menschheit (Homo sapiens) nicht "artrein" sondern trägt einen auf Artkreuzung zurückzuführenden Teil Neandertaler-Gene (H. neandertalensis) in sich.


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