Kontroverse über Artreinheit

Mastomys hybrid
Mastomys hybrid

Hybridisierte Tiere haben sich in der Heimtierhaltung über die Jahre immer weiter verbreitet. Nicht nur bei den sündhaft teuren Bengals und Savannah Cats teilen sich die Meinungen, auch unter Nagetieren sind Artmischlinge Gegenstand von Kontroversen. Während die einen monatelang nach geeigneten, wahrscheinlich artreinen Zuchttieren suchen, setzen andere bewusst Verpaarungen mit Individuen verschiedener Arten oder Unterarten an.

Es zeigt sich: Hybriden sind nicht nur bei Phodopus-Hamstern eine Realität mit der wir umgehen müssen. Dass Dogmatismus sowohl für die eine als auch für die andere Position nichts bringt, sollen die drei folgenden Beispiele zeigen. Je nach Einzelfall gibt es gute Gründe, alles daran zu setzen, artrein zu züchten aber auch ebenso gute Gründe, eine Mischung herbeizuführen.

Problemfall: Phodopus-Hybriden

Seit vielen Jahren sind Zwerghamster im Umlauf, die nicht eindeutig einer Art zuzuordnen sind. Es handelt sich dabei um Tiere, die auf die Kreuzung von Campbell-Zwerghamster (Phodopus campbelli) mit Dsungarischem Zwerghamster (Phodopus sungorus) zurückzuführen sind. Die Gründe für solche Mischlingszuchten sind sehr verschieden. Zu Anfang ging es wahrscheinlich in erster Linie darum, überhaupt herauszufinden, ob sich die Arten kreuzen lassen. Zudem hatte der Campbell-Zwerghamster nicht immer Artstatus, sodass gar nicht bemerkt wurde, dass man Hybriden produziert, wenn man Campbell-Zwerghamster und Dsungarischen Zwerghamster verpaart. Auch heute noch fällt einigen Vermehrer_innen die Unterscheidung beider Arten schwer, sodass immer wieder aufs neue Hybriden produziert werden. Darüber hinaus hatten und haben einige Kreuzungsprojekte das Ziel, Farbmutationen die beim Campbell-Zwerghamster vorkommen, in das Genom des Dsungarischen Zwerghamsters zu übertragen. Wie man sieht: Mit Erfolg.
Die Problematiken, die sich schon bei der Geburt der Jungtiere zeigen, sind hier im Blog hinreichend beschrieben. Ebenso wie die allseits bekannte Tatsache, dass wir heute kaum mehr über ein Tier sicher sagen können, ob es sich zu 100% um einen Campbell-Zwerghamster oder zu 100% um einen Dsungarischen Zwerghamster handelt.
Hybriden vereinen nicht nur gute sondern auch schlechte Eigenschaften der Ausgangsarten in sich (Diabetes, Unverträglichkeit usw.) und stellen Halter_innen immer wieder vor Probleme. Während Campbell-Zwerghamster relativ sozial sind und Dsungarische Zwerghamster eher solitär oder in Einehe leben, kann man bei Hybriden kaum sagen, ob man sie einzeln oder zu mehreren halten kann oder soll. Ebenso hat sich die Diabetesproblematik der Campbell-Zwerghamster nun auch auf die als Dsungarischen Zwerghamster gehandelten Hybriden ausgeweitet.

Hybrid - oder auch nicht...
Hybrid - oder auch nicht...

Unproblematisch: Vielzitzenmäuse

Afrikanische Vielzitzenmäuse (Mastomys) sind seit Jahrzehnten nicht mehr aus der Terraristik wegzudenken. Als hochproduktive und pflegeleichte Kleinsäuger eignen sie sich ganz besonders für die Zucht als Futtertiere. Ihre systematische Stellung hat einige Wandlungen durchgemacht. Waren sie zu einer Zeit noch der Gattung der Ratten (Rattus) unterstellt, sind sie nach einigen Umdefinitionen zumindest zum jetzigen Zeitpunkt bei der Gattung Mastomys angelangt. In englischsprachigen Texten findet sich jedoch vereinzelt immernoch das der Gattungsname Praomys (Afrikanische Weichratten). Ähnlich wackelig ist auch die innere Systematik der Gattung. Es sind viele verschiedene Arten beschrieben, welche kaum zu unterscheiden sind. Zwar sind in letzter Zeit neue, eindeutig bestimmte Mastomys-Arten importiert worden, aber wenn wie im Fall sämtlicher Vielzitzenmäuse bei uns im Handel die genaue Herkunft fehlt, ist eine Artbestimmung kaum möglich. Nicht nur das: Sie ist auch nicht nötig, da davon auszugehen ist, dass es sich bei den Millionen hier gezüchteten Vielzitzenmäusen ebenfalls um Hybriden handelt. Jede_r der_die sich über Vielzitzenmäuse informieren möchte, wird schnell bemerken, dass zwei Artbezeichnungen im Umlauf sind: Mastomys natalensis und Mastomys coucha. Die Wahrheit liegt sicher dazwischen: Die Zuchtpopulation setzt sich aus beiden in Südafrika beheimateten Arten zusammen, welche über mehrere Importe nach Europa kamen und in den hiesigen Bestand eingeflossen sind.

 

Das Sich-Bewusstmachen der Tatsache, dass die bei uns Millionen Individuen umfassende bissige bis unheimlich zahme Population von extrem fruchtbaren Vielzitzenmäusen mit ihren verschiedenen Farbformen auf eine meist unbeachtete Vermischung von Arten zurückgeht, zeigt schon, dass Hybridisierung nicht bei allen Tierarten negative Folgen hat.

Ganz neu: Weißfußmäuse

Artrein: Peromyscus maniculatus
Artrein: Peromyscus maniculatus

In den 00er Jahren kamen einige als Weißfußmäuse (Peromyscus) deklarierte Tiere in den Handel. Diese stellten sich als Küstenmäuse (Peromyscus polionotus) heraus und erfreuten sich nicht nur wegen ihrer Farbmutationen zumindest zeitweise einer gewissen Beliebtheit unter den Heimtierhalter_innen. Mit der Zeit verschwand das Interesse an den Tieren, insbesondere weil sie sich schlecht vermehrten und so eine gezielte Farbzucht erschwert wurde.

Einige Jahre später gelangten aus einer Laborhaltung mehrere Eigentliche Hirschmäuse (Peromyscus maniculatus) auf den Markt. Nachdem die Tiere anfänglich gut nachzüchteten, berichteten Züchter_innen später, dass Weibchen nicht mehr werfen würden. Der Verdacht lag nahe, dass die Populationen beider Arten infolge der geringen Individuenzahl unter Inzuchtfolgen litten*. Da schon die Population von Küstenmäusen in den letzten Jahren auf ein absolutes Minimum geschmolzen war und nun auch die Hirschmaus in Europa zu verschwinden drohte, wurde 2012 der Versuch unternommen, beide Arten zu kreuzen. Das Ergebnis ist ein überaus fruchtbarer Stamm von Peromyscus-Hybriden, bei dem sich bislang keine gesundheitlichen Probleme (wie etwa bei Zwerghamsterhybriden) zeigen. Jedoch hat dieses Vorgehen den gleichen Preis, wie bei den beiden zuvor genannten Fällen auch. Mischlingstiere werden teilweise nicht als solche erkannt und mit den wenigen verbliebenen arteinen Mäusen gekreuzt. Dies deutet über kurz oder lang, dass es bald nur noch Mischlinge geben wird.

 

In Anbetracht der Tatsache, dass vielleicht beide Ausgangsarten in der europäischen Heimtierhaltung ohnehin ausgestorben wären, ist die Bewertung von Hybriden auch davon abhängig zu machen, ob man zugunsten der Artreinheit auf eine interessante Tiergattung verzichten möchte oder die Vielfalt in der Kleinsäugerhaltung aufrecht erhält, indem man ein weiteres Mal Hybridtiere zulässt, wie man es auch bei Zwerghamstern und Vielzitzenmäusen getan hat.

F1 Peromyscus hybrid mit Nachwuchs (hybrid x polionotus) _ Foto: M. Elsner
F1 Peromyscus hybrid mit Nachwuchs (hybrid x polionotus) _ Foto: M. Elsner

* Was jedoch nicht bestätigt ist. Insbesondere P. poliontus ist ein beliebtes Modell in der Inzuchtforschung und wird auch in der Natur regelmäßig durch den genetischen Flaschenhals geführt


mehr

Nagetier-Hybriden

 

Kräh, Stefan (2004): Neugierige Mäuse aus Afrika – Haltung und Zucht von Vielzitzenmäusen. Rodentia Nr. 18, Mär/Apr 2004, Natur und Tier Verlag, Münster.

Kräh, Stefan (2011): Hirschmäuse im Terrarium. Erfahrungen mit Peromyscus maniculatus. Rodentia Nr. 59, Jan/Feb 2011. Natur und Tier Verlag, Münster.

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