Dunkle Nilstachelmäuse

Die Dunkle Nilstachelmaus, auch Dunkle Kairo-Stachelmaus (Acomys cahirinus cahirinus) genannt, ist eine melanistische Unterart der Ägyptischen oder Kairo-Stachelmaus (Acomys cahirinus). Auch wenn Hybridisierung problemlos möglich ist, wird die dunkle Form größtenteils unterartrein gezüchtet. In Zoos und im Handel ist sie häufiger zu finden als andere cahirinus-Unterarten, wie etwa die Abu-Simbel-Stachelmaus (A. c. hunteri) und die Tibesti-Stachelmaus (A. c. seurati). Zootierliste.de gibt mehrere Haltungen in europäischen Zoos an, hierunter auch acht zoologische Einrichtungen in Deutschland und Österreich: Tierpark Chemnitz, Tiergarten Eisenberg, Zoo Leipzig, Tierpark Wittenberg, Biosphäre Potsdam, Zoo Rostock, Tierpark Ueckermünde und Tiergarten Schönbrunn (Wien). In privater Haltung war die Dunkle Nilstachelmaus nie sonderlich verbreitet, sodass über die Bestände wenig Informationen vorliegen. Bei der BAG Kleinsäuger wurde die Unterart zwischen 2011 und 2017 nicht mehr von Privatpersonen gemeldet.

Biologie

Dieterlen (2013) beschreibt die Art als vergleichsweise groß für die Gattung Acomys. Die durchschnittliche Kopf-Rumpf-Länge der Dunklen Nilstachelmaus wird mit 100 120 mm angegeben, der Schwanz ist etwa körperlang (92 137 mm). Die Hinterfußlänge beträgt 18 21 mm, die Ohrlänge 18 24 mm. Das Durchschnittsgewicht ist mit 40,8 g (29,9 51,5 g) angegeben. Die Augen sind groß und dunkel. Fell, Schwanz und die Ohren sind dunkel schiefergrau. Lediglich die Füße sind weiß und bei wenigen Exemplaren ist ein weißer Kehlfleck vorhanden. Charakteristisch sind die glatt anliegenden, stachelartigen Borsten, die den Hinterrücken bedecken. Dunkle Nilstachelmäuse leben sozial in Gruppen, meist bestehend aus Weibchen mit Jungtieren. Die soziale Ordnung wird unter anderem durch gegenseitiges Putzen friedlich aufrechterhalten. Eine weitere bemerkenswerte Facette des Sozialverhaltens ist die gegenseitige Geburtshilfe der Weibchen untereinander (vgl. ebd. S. 220ff).

Acomys cahirinus wird je nach Autor_in als tag-, dämmerungs- oder nachtaktiv beschrieben. Die Tiere sind in der Heimtierhaltung jedoch vorrangig nachtaktiv und ruhen am Tag. Eine Fütterung am Nachmittag lockt nur selten einzelne Mäuse hervor. Die Nahrung besteht vorrangig aus Samen von Kräutern und Gräsern, jedoch werden auch Insekten und ander Wirbellose gefressen. Insbesondere Gehäuseschnecken bilden bei wildlebenden Populationen eine wichtige Flüssigkeitsquelle. (vgl. ebd.)

Verbreitung und Lebensraum

Die Ägyptische Stachelmaus (Acomys cahirinus) ist insgesamt in felsigen Gebieten Nordafrikas bis zur Sahelzone zu finden. Die Verbreitungskarte der IUCN Red List verzeichnet drei voneinander getrennte Populationsgebiete, von der das zentral gelegene Gebiet in Algerien wahrscheinlich ausschließlich die Tibesti-Stachelmaus (Acomys [cahirinus] seurati) betrifft und das westliche Gebiet die mittlerweile als eigenständige Art betrachtete Chudeaus Stachelmaus (A. chudeaui).

Insgesamt werden die verschiedenen Unterarten nur selten in menschlichen Siedlungen gefunden. Jedoch beschreibt Setzer (1959, S. 59) gerade die Dunkle Nilstachelmaus als fast ausschließlich kommensal. Ebenso betonen Osborn & Helmy (1980, S. 298) , dass in Ägypten ein großer Teil der in Gebäuden, Häusern und Gärten gefundenen Acomys cahirinus melanistisch sei. Bei Individuen, die in Grabstätten und Tempeln beobachtet wurden, sei der Melanismus dagegen aufgehellt (vgl. Wilson & Reeder 2005). Sowohl Setzer (1959) als auch Osborn & Helmy (1980) verorten schwarze Populationen in Ägypten. Grimmberger & Rudloff (2009, S. 141) grenzen das Verbreitungsgebiet von Acomys cahirinus cahirinus vom Nildelta, entlang des Nils bis Assuan ein. Die Population ist stabil und nicht gefährdet.

Haltung

Das Gutachten über die Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren fordert für zwei Individuen der Gattung Acomys eine Grundfläche von mindestens 0,5 m² und für jedes weitere Tier 20% mehr Fläche (vgl. BMEL 2014, S. 139). Die Empfehlungen anderer Autor_innen sprechen von 50 x 50 cm (Honigs 2008, S. 26) bzw. 80 x 40 cm (Ehrlich 2003, S. 108) für ein Paar. Gerade die Dunkle Nilstachelmaus fühlt sich jedoch in größeren Familiengruppen am wohlsten und sollte deshalb in einer Sippe auf möglichst größerer Fläche gehalten werden. Eine Besonderheit von Acomys cahirinus, die sie von anderen Stachelmausarten unterscheidet, sind ihre ausgesprochenen Kletterkünste. Auch wenn es sich eigentlich um Bodenbewohner handelt, bewegen die Tiere sich sehr geschickt sogar auf dünnen Zweigen und scheuen selbst Höhen von über einem Meter nicht. Das Terrarium oder die Voliere sollten deshalb auch entsprechend hoch sein. Im Gegensatz zu anderen eher ruhigen Stachelmausarten zeichnen sich Dunkle Nilstachelmäuse durch ein vergleichsweise schreckhaftes Wesen aus. In Panik sind sie nicht nur unheimlich schnell, sondern beweisen auch ihre enorme Sprungkraft. Hindernisse von 50 cm Höhe überwinden sie aus dem Stand ohne Probleme. Die Unterkunft sollte dem Rechnung tragen, damit bei Pflegemaßnahmen keine Maus entweicht. Volieren mit mehren kleinen Türen vereinfachen das Füttern. Ebenso ist eine Tiefe von etwa 80 cm empfehlenswert, sodass die Tiere die Möglichkeit haben, sich in den hinteren Bereich ihres Territoriums zurückzuziehen, während vorne hantiert wird. Die zuvor zitierten Abmessungen sind auf die Gattung Acomys allgemein bezogen und für Nilstachelmäuse weniger empfehlenswert.

Für eine kleine Familiengruppe von 5 15 Individuen hat sich ein Terrarium mit den Maßen 100 x 100 x 150 cm (L x B x H) bisher bewährt. Das vielseitige Verhaltensrepertoire der bewegungsfreudigen Tiere kann sich bei entsprechend großzügigen Abmessungen entfalten und führt auch gegenüber dem Menschen zu einer Entspannung bei den sonst eher schreckhaften Tieren.

 

Der Bodengrund kann aus handelsüblicher Kleintierstreu oder auch einem Sand-Erde-Gemisch bestehen. Eine Substrathöhe von 5 8 cm ist ausreichend, da Stachelmäuse allgemein keine eigenen Baue graben. Vielmehr nutzen sie in ihrem natürlichen Habitat Felsspalten und die Zwischenräume von Steinhaufen oder -mauern als Unterschlupf. Der untere Teil des Terrariums kann also mit stabilen Steinaufbauten und Korkröhren gestaltet werden, um den Tieren verschiedene Unterschlupfmöglichkeiten zu bieten. Ebenso werden aber auch Häuser und Höhlen für Nagetiere oder Wellensittichnistkästen aus dem Zoohandel angenommen. Nilstachelmäuse nutzen erhöhte Aussichtspunkte und ruhen hier auch gemeinsam eng aneinandergeschmiegt. Hierfür eignen sich Wurzeln, große Steine und Korkeichenäste. Relativ einfach lässt sich aus flachen Ziegeln und Steinplatten ein stabiler Unterschlupf stapeln, der gerne angenommen wird.

Nilstachelmäuse klettern ausgesprochen gut und verbringen einen großen Teil ihrer Aktivitätszeit mit Klettern oder Wachen auf waagrechten Ästen. Eine gute Strukturierung des Terrariums mit verschiedenen Ästen und Zweigen von Obstbaumsorten, Birke, Weide, Eiche, Buche oder Hasel ermöglicht den Tieren, die dritte Dimension ihres Terrariums voll zu nutzen. Darüber hinaus können Kokosseile oder Spielzeuge für Papageien aus dem Zoohandel angeboten werden. In den oberen Bereichen aufgehängte Exotennester oder ausgehöhlte Kokosnüsse werden als Ruheplatz ebenfalls aufgesucht.

Die Einrichtung wird komplettiert durch ein Laufrad mit einem Durchmesser von mindestens 22 cm. Dunkle Nilstachelmäuse nutzen die Möglichkeit, im Laufrad zu laufen ebenso ausgiebig wie die meisten anderen kleinen Nagetiere.

Ernährung

Literatur, die sich explizit mit der Ernährung von Acomys cahirinus oder gar Dunklen Nilstachelmäusen befasst, ist kaum zu finden. Eher beziehen sich Empfehlungen auf Stachelmäuse allgemein. Das viel zitierte Futterkonzept von Sistermann (2007) beinhaltet eine Mischung aus Wellensittichfutter, Kanarienfutter und Grassamen (5:3:2) sowie frisches Gemüse, Kräuter und Insekten. Noack (2018) nennt Exotenfutter, Wellensittichfutter, Wildsaaten, Unkrautsamen und Grassamen als Bestandteile einer Futtermischung für Stachelmäuse.

Da die Ernährung von A. cahirinus im Freiland zu bis zu 85% aus Wirbellosen besteht (vgl. Honigs 2012, S. 18), sollte dem auch in der Heimtierhaltung Rechnung getragen werden: Grillen, Heuschrecken, Schaben und andere Insekten werden lebend genauso wie getrocknet angenommen. Auch junge Achatschnecken werden problemlos geknackt und gerne gefressen. Ersatzweise können auch Trockenfutter für Katzen oder Eifutter für Vögel angeboten werden. Während bei anderen Stachelmausarten einer möglichen Verfettung durch zu fetthaltige Ernährung vorgebeugt werden muss, besteht dieses Risiko bei Dunklen Nilstachelmäusen nicht. Jedoch zitiert Honigs (ebd.) eine Studie, die die Neigung von A. cahirinus zu Diabetes nahelegt. Somit sollte bei der Fütterung von Frischfutter auf süßes Obst verzichtet werden und stattdessen täglich Kräuter und Salat als auch Gemüse angeboten werden. Wasser sollte den Tieren stets in einer Schale oder Trinkflasche zur Verfügung stehen.

Zucht

1 Tag altes Jungtier
1 Tag altes Jungtier

Im Zusammenleben sind Nilstachelmäuse ausgesprochen friedlich. Zu Streitereien zwischen Männchen kommt es hier viel seltener als bei anderen Stachelmausarten. Eine Gruppe mit wenigen Männchen und mehreren Weibchen ist die beste Grundlage für eine wachsende Kolonie. Wenn sich jedoch Auseinandersetzungen, gegenseitiges Jagen oder sogar Verletzungen von Ohren und Schwänzen einstellen, sollten einige Männchen aus der Gruppe entfernt werden.

Die Nachzucht stellt in der Regel kein Problem dar. Nilstachelmäuse vermehren sich ebenso wie die meisten anderen Stachelmausarten langsam aber zuverlässig.  Annähernd alle geschlechtsreifen Tiere der Sippe pflanzen sich auch tatsächlich fort. Es scheint also kein alleiniges Vorrecht der ranghöheren Gruppenmitglieder auf Fortpflanzung zu geben. Die Geschlechtsreife tritt mit 6 bis spätestens 12 Wochen ein. In einem Fall war ein Muttertier bei der Niederkunft 13 Wochen alt.

Bereits mit 7 Tagen probieren Jungtiere feste Nahrung
Bereits mit 7 Tagen probieren Jungtiere feste Nahrung

Das Männchen verfolgt das paarungsbereite Weibchen ausdauernd und weicht ihm kaum von der Seite. Die sich über einen längeren Zeitraum wiederholenden Paarungen finden meist versteckt in Höhlen und Unterschlupfen statt. Nach einer Tragzeit von 36 bis maximal 42 Tagen (ø 39 Tage; Young 1976, S. 15) kommen sehr weit entwickelte Jungtiere zur Welt. Dieterlen (2013, S. 222) gibt eine durchschnittliche Wurfgröße von 2,4 an. Der größte dokumentierte Wurf umfasste fünf Welpen.In der Aufzuchtsphase erhöht sich die Energie- und Wasseraufnahme des Weibchens um 35,2% bzw. 59,1% (vgl. Honigs 2012, S. 20). Bereits eine Woche nach der Geburt folgen die Jungtiere der Mutter aus dem Nest in die nähere Umgebung. Auch einzelne Futterbestandteile werden selbstständig aufgenommen. Nach zwei Wochen bewegen sich die Jungtiere weitgehend selbstständig und gehen aktiv auf Futtersuche.

Ziehen mehrere Weibchen gleichzeitig Würfe auf, wird hier ebenso wie bei Sinai-Stachelmäusen ein gemeinsames Nest genutzt. Zwar scheinen sich alle Muttertiere um alle Welpen zu kümmern, jedoch ließ sich feststellen, dass in den meisten Fällen die eigenen Jungtiere gesäugt werden. Auch Männchen kümmern sich um die heranwachsenden Welpen. Hier konnte beobachtet werden, dass sie sich vor allem mit dem männlichen Nachwuchs befassen. (vgl. Haughton et al. 2016, S. 12)

Artgesellschaft

Dunkle Nilstachelmäuse sind zwar schreckhaft gegenüber dem Menschen, jedoch ausgesprochen friedfertig gegenüber anderen Mäusearten. Von Gemeinschaftshaltungen mit Farbmäusen (Mus musculus f. dom.), Vielzitzenmäusen (Mastomys) und Sinai-Stachelmäusen (Acomys dimidiatus) gibt es positive Berichte.

 

Wie zuvor erwähnt, sind die Unterarten von Acomys cahirinus untereinander kreuzbar. Ebenso sollen auch Mischlinge von A. cahirinus mit A. dimidiatus möglich sein. Um die Artenvielfalt und Unterartenvielfalt in den europäischen Beständen zu erhalten, sollten solche Kreuzungen vermieden werden. Dunkle Nilstachelmäuse sind durch ihre Färbung sehr leicht von den anderen Acomys-Formen zu unterscheiden. Jedoch sollte bei der Gemeinschaftshaltung verschiedener Stachelmaus-(Unter)Arten darauf geachtet werden, nur gleichgeschlechtliche Tiere zusammenzuhalten.

mehr

BMEL. Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (2014): Gutachten über die Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren.

 

Dieterlen, F. (2013): Cairo Spiny Mouse (Northeast African Spiny Mouse). In: Kingdon, J., D. Happold, T. Butynski, M. Hoffmann, M. Happold, J. Kalina: Mammals of Africa. Bloomsbury, London

 

Ehrlich, C. (2003): Kleinsäuger im Terrarium. Natur und Tier-Verlag, Münster

 

Grimmberger, E. & K. Rudloff (2009): Atlas der Säugetiere Europas, Nordafrikas und Vorderasiens. Natur und Tier-Verlag, Münster

 

Haughton, C. L. , T. R. Gawriluk & A. W. Seifert (2016): The Biology and Husbandry of the African Spiny Mouse (Acomys cahirinus) and the Research Uses of a Laboratory Colony. Journal of the American Association for Laboratory Animal Science 55 (1). S. 9–17 http://www.ingentaconnect.com/content/aalas/jaalas/2016/00000055/00000001/art00003?crawler=true&mimetype=application/pdf

 

Honigs, S. (2008): Stachelmäuse. Natur und Tier-Verlag, Münster

 

Honigs, S. (2012): Ernährung von Stachelmäusen. Rodentia 68, Juli/August 2012. Natur und Tier-Verlag, Münster.

 

Noack , C. E. (2018):  Basisfuttermischungen – Futter mischen für Mäuse und Nagerexoten. http://dev.das-maeuseasyl.de/ernahrung/basisfuttermischungen-fur-mause-und-nagerexoten/

 

Osborn, D. J. & I. Helmy (1980): The contemporary land mammals of Egypt (including Sinai). Fieldiana: Zoology, 5. S. 1–579.

 

Setzer, H. W. (1959): The spiny mice (Acomys) of Egypt. Journal of the Egyptian Public Health Association, 34(3). S. 93–101.

 

Sistermann, R. (2007): Futterkonzept. http://www.rodent-info.net/futterkonzept.htm

 

Wilson, D. E. & D. M. Reeder  (2005): Mammal Species of the World. A Taxonomic and Geographic Reference. Johns Hopkins University Press. http://www.press.jhu.edu

 

Young, D. A. B (1976): Breeding and fertility of the egyptian spiny mouse, Acomys cahirinus: effect of different environments. Laboratory Animals 10. S. 15–24. http://journals.sagepub.com/doi/pdf/10.1258/002367776780948961