Grasratten

Derzeit sind sieben Arten der Gattung Arvicanthis anerkannt
Derzeit sind sieben Arten der Gattung Arvicanthis anerkannt

Die Gattung der afrikanischen Grasratten oder Kusuratten (Arvicanthis) umfasst nach aktuellem Stand sieben verschiedene Arten (Wilson & Reeder 2005). Sie sehen ihren nahen Verwandten, den Grasmäusen (Lemniscomys) in Form und Färbung sehr ähnlich, jedoch sind einzelne Arten mit bis zu 20 cm Körperlänge um einiges größer und es fehlt die typische Streifenzeichnung der bekannten Lemniscomys-Arten. Tatsächlich ist es so, dass seit 2008 Grasratten und Grasmäuse zusammen zur Arvicanthis-Gruppe (Arvicanthini) gezählt werden.


Als Zootiere sind Grasratten schon lange bekannt, jedoch nie weit verbreitet gewesen. Eine der ersten Haltungen der Nilgrasratte (A. niloticus) war laut zootierliste.de im London Zoo mit der britischen Erstzucht im Jahr 1894. In Deutschland zeigte sie wahrscheinlich als erstes der Berliner Zoo 1989. Heute ist die Nilgrasratte nur noch im Tierpark Angermünde zu sehen (Stand 03/2018). In der Zwischenzeit wurden in London und Pilsen auch die Äthiopische Grasratte (A. abyssinicus) und die Nairobi-Grasratte (A. nairobae) gehalten. Beide Arten sind jedoch wieder aus den Beständen verschwunden. Ab 2006 folgte die Neumanns Grasratte (A. neumanni) als neue Art vor allem in tschechischen und deutschen Zoos.

In der Heimtierhaltung spielten Arvicanthis-Arten zunächst nur bei Spezialist_innen eine Rolle. Während 1996 nur vier private Nilgrasratten-Haltungen gemeldet wurden, waren es 1998 schon zwölf. Um die Jahrtausendwende fand man die Tiere dann auch auf Terraristikbörsen, wo sie nicht nur als Beobachtungstier, sondern auch als Futtertier angeboten wurden. Zu jener Zeit orientierten sich auch Halter_innen von Farbratten in alle möglichen Richtungen: Insbesondere in den Online-Communities stieg das Interesse an der Haltung wilder Rattenarten auch in Artgesellschaft mit den Farbratten. Der Aufstieg der Grasratten war jedoch vorbei bevor er wirklich begonnen hat. Die Nachzuchten der scheuen Grasratten mit ihrer enormen Beißkraft waren schwer zu vermitteln. Selbst als Futtertiere hielten sie vorsichtige Halter_innen für ungeeignet. Zwischen 2011 und 2016 wurden durchgehend private Haltungen der Nil-Grasratte bei der BAG Kleinsäuger gemeldet. Die Neumanns Grasratte kommt nur in den Tierbestandmeldungen von 2012 und 2015 auch bei Privathalter_innen vor. Ab 2009 wurden hin und wieder "Arvicanthis spec." als Importe aus Tansania, bzw. genauer Arvicanthis cf. neumanni aus der Arusha-Region verzeichnet. Mittlerweile ist diese Trennung aufgehoben oder die Bestände sind erloschen.

biologie

In erster Linie unterscheiden sich Arvicanthis niloticus und Arvicanthis neumanni durch die Körpergröße.
Grimmberger & Rudloff (2009) geben eine Kopf-Rumpf-Länge von 14,2 bis 20,2 cm bei einem Gewicht von 102 bis 201 g an. Der Schwanz ist mit 11,5 bis 17,3 cm etwas weniger als körperlang (85%). Granjon et al. (2013) nennen die Durchschnittswerte von 15 cm Körperlänge, fast 13 cm Schwanzlänge und 110,8 g Körpergewicht. (ebd., S. 388).
Die Neumanns Grasratte ist die kleinste Art der Gattung Arvicanthis. Bekele (2013) nennt eine Kopf-Rumpf-Länge von 8,4 bis 12,3 cm mit einer Schwanzlänge von 7,2 bis 1,2 cm (95% der KRL) und ein Gewicht von 26 bis 74 g (ebd., S. 386). Diese für eine Ratte vergleichweise geringe Größe dürfte auch erklären, weshalb der Schulzoo Herford die Tiere fälschlicherweise als Einstreifen-Grasmaus (Lemniscomys griselda) ausgeschildert hat.
Die Neumanns Grasratte (A. neumanni) ist die kleinste Arvicanthis-Art
Die Neumanns Grasratte (A. neumanni) ist die kleinste Arvicanthis-Art

Beide Arvicanthis-Arten haben ein einen kompakten Körperbau, jedoch ist A. neumanni insgesamt schlanker. Auch die Ohren sind runder, etwa so wie bei der Tüpfelstreifengrasmaus (Lemniscomys striatus).
Das Fell ist graubraun mit sehr stark kontrastierender Bänderung bei der Nilgrasratte, während die Neumanns Grasratte etwas blasser wirkt und einen helleren Bauch hat.

 

Grimmberger & Rudloff (2009) beschreiben A. niloticus als solitär oder paarweise lebende Art, verweisen jedoch darauf, dass in Gefangenschaft die Haltung von Gruppen möglich ist. Auch Granjon et al. (2013) charakterisieren die Art in erster Linie als gesellig und berichten von Kolonien mit mehreren erwachsenen Männchen und Weibchen sowie Jungtieren (ebd. S. 388). Bekele (2013, S. 286) vermutet das gleiche für A. neumanni. Die Neumanns Grasratte ist vorwiegend tag- und nachtaktiv (semidiurnal; ebd.), während Nilgrasratten als vorwiegend tagaktiv beschrieben werden (Granjon et al. 2013, S. 388). Die Ruhephasen verbringen beide Arten in oberirdischen Grasnestern oder flachen Erdbauen. Die Tiere legen Trampelpfade durch das hohe Gras an, die Verstecke und Futtergründe verbinden. Bei der Futtersuche nehmen Nilgrasratten vor allem Blätter, Sprossen und Samen von Gräsern und Getreide auf. Insekten machen etwa 20% der Nahrung aus (vgl. ebd.). Über die Ernährung der Neumanns Grasratte ist nichts Näheres bekannt (vgl. Bekele 2013).

Herkunft und Lebensraum

Die Nilgrasratte hat ein sehr großes Verbreitungsgebiet von der arabischen Halbinsel über die Sahelzone bis Kenia. Sie bevorzugt Grasland und (Busch-)Savannen, kommt jedoch auch in Kulturland und in Siedlungen vor. In Äthiopien ist sie bis in Höhen von 1600 m nachgewiesen worden. (vgl. Granjon 2016)

Von der Neumanns Grasratte sind zwei voneinander getrennte Populationen bekannt: Die eine in Somalia und Äthiopien, die zweite im Nördlichen Tansania. Auch A. neumanni ist vor allem in trockenen Savannen zu finden. Der höchstgelegene Nachweisort liegt 1000 m über dem Meeresspiegel. (vgl. Cassola 2016)

Haltung

Da Grasratten gesellig sind und sich vergleichsweise schnell vermehren, sollte vor allem bei gemischtgeschlechtlicher Haltung viel Platz für eine größere Gruppe eingeplant werden. Das Säugetiergutachten der Bundesregierung nennt für zwei Individuen eine Mindestfläche von 0,5 m². Für jedes weitere Tier sollen 20% mehr Fläche berechnet werden (BMEL 2013, S. 139f). Andere Autoren empfehlen eine Fläche von 0,5 m² für ein Paar mit Jungtieren (Rudloff 1998; Ehrlich 2006, S. 120). Laut Rudloff (1998) lebten auf 2 m² Fläche bis zu 40 Individuen friedlich zusammen. Da die Tiere nur wenig klettern, ist eine Höhe von 50 bis 60 cm ausreichend (vgl. Ehrlich 2006, S. 120; siehe auch BMEL 2013, S. 140). Als Behälter eignen sich vor allem nagesichere Glasterrarien mit ausreichend großen Lüftungsflächen.

Nilgrasratten ernähren sich von Pflanzenteilen und Insekten
Nilgrasratten ernähren sich von Pflanzenteilen und Insekten


Der Bodengrund sollte aus saugfähiger Holz-, Hanf- oder Leinstreu bestehen und etwa 8 cm hoch eingefüllt werden. Darüber kann eine Schicht Heu oder Stroh gegeben werden. Die weitere Einrichtung besteht aus  verschiedenen Versteckmöglichkeiten, Wurzeln, Ästen und großen Steinen. Da insbesondere Nilgrasratten einen starken Nagetrieb haben, sollten stets auch frische Äste und Zweige vorhanden sein. Ehrlich (2006) empfiehlt bei dunklen Standorten das Anbringen einer künstlichen Beleuchtung (ebd., S. 120).

Ernährung

Die Literatur weist Grasratten als omnivore Graslandbewohner aus. Samen und grüne Pflanzenteile werden ebenso aufgenommen wie Insekten (vgl. Rudloff 1998; Grimmberger & Rudloff 2011, Granjon et al. 2014; Bekele 2014). Ehrlich (2006) empfiehlt Hamster- oder Rattenfutter, Gemüse, Obst, frischen Grasschnitt und frische Zweigen (ebd., S. 120). Rudloff (1998) nennt "alle Arten von Grünzeug" sowie Heu, Gemüse, eine Körnermischung und Obst.

 

Eine Fütterung angepasst an die Ernährung im Freiland beinhaltet vor allem frische Gräser, Kräuter und belaubte Zweige (Hasel, Weide oder Obstbäume) sowie eine Mischung aus verschiedenen Sämereien. Hierfür sollte eher energiearmes Rennmausfutter als Grundlage dienen, da Grasratten bei zu reichhaltiger Fütterung zur Fettleibigkeit neigen. Insekten können getrocknet oder lebend angeboten werden. Ersatzweise eignet sich auch Katzentrockenfutter oder Eifutter für Vögel. Zudem muss immer Wasser vorhanden sein.

Zucht

Die Geschlechtsreife tritt etwa mit 45 Tagen Tagen ein. Neal (1981) hat in seiner Untersuchung der Reproduktionsbiologie der Arvicanthis-Arten nachgewiesen, dass instabile Umweltbedingungen dazu führen, dass die Jungtiere früher geschlechtreif werden und Populationen insgesamt eine höhere Fortpflanzungsrate aufweisen. Nach einer Tragzeit von etwa 20 bis 25 Tagen werden 1 bis 11 Jungtiere geboren. Massawe et al. (2007) nennen für A. neumanni in eine durchschnittliche Wurfgröße von 5,85 (ebd., S. 323). Neal (1981) konnte variierende Wurfgrößen in unterschiedlichen Untersuchungsgebieten feststellen. Ebenso haben Tiere unterschiedlicher Herkunft unter Laborbedingungen verschiedene Ergebnisse (durchschnittlich zwischen 3 und 6 Jungen) geliefert (vgl. ebd., S. 180).

Die Nachzucht von Arvicanthis-Arten stellt kein Problem dar
Die Nachzucht von Arvicanthis-Arten stellt kein Problem dar

Die nackt und taub geborenen Welpen wiegen etwa 4 g (A. niloticus) und entwickeln sich sehr schnell. Im Alter von zwei Wochen verlassen sie bereits das Nest und nehmen feste Nahrung auf. Mit frühestens 23 Tagen, bei Geburt des folgenden Wurfes, sind die Jungtiere entwöhnt.
Normalerweise verläuft die Nachzucht problemlos. Jungtiere die nicht rechtzeitig abgesetzt werden, leben zwar friedlich mit den Eltern im Verband, pflanzen sich jedoch auch mit ihnen fort. Spätestens mit sechs Wochen sollten die Jungtiere abgesetzt werden. Das Zusammenstellen neuer Paare gelingt am besten mit jungen Tieren bis zur 12. Lebenswoche.
Nur selten bleibt ein Paar oder eine Gruppe ohne Nachwuchs. Neal (1981) nennt die Gabe von frischem Grünfutter als Auslösereiz für die Fortpflanzung (ebd., S. 184).

mehr

BMEL. Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (2014): Gutachten über die Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren.

 

Bekele, A. (2014): Arvicanthis neumanni. Neumann's Grass Rat. In: Kingdon, J. (Hrsg.): Mammals of Africa. Bloomsbury Publishing. S. 386-387

 

Cassola, F. (2016): Arvicanthis neumanni . The IUCN Red List of Threatened Species: e.T2148A115060686. http://dx.doi.org/10.2305/IUCN.UK.2016-3.RLTS.T2148A22460851.en.

 

Ehrlich, C. (2006): Kleinsäuger im Terrarium. Natur und Tier-Verlag, Münster

 

Granjon, L., A. Bekele & J.-F. Ducroz (2014): Arvicanthis niloticus. Nile Grass Rat. In: Kingdon, J. (Hrsg.): Mammals of Africa. Bloomsbury Publishing. S. 387-388.

 

Granjon, L. (2016): Arvicanthis niloticus. The IUCN Red List of Threatened Species: e.T2147A115060432. http://dx.doi.org/10.2305/IUCN.UK.2016-3.RLTS.T2147A22460932.en.

 

Grimmberger, E. & K. Rudloff (2009): Atlas der Säugetiere Europas, Nordafrikas und Vorderasiens. Natur und Tier-Verlag, Münster

 

Massawe, A. W., F. P. Mrosso , R. H. Makundi & L.S. Mulungu (2007): Breeding patterns of Arvicanthis neumanni in central Tanzania. doi: 10.1111/j.1365-2028.2007.00837.x

 

Neal, B. R. (1981): Reproductive biology of the unstriped grass rat, Arvicanthis, in East Africa. Zeitschrift für Säugetierkunde (46). S. 174 - 189. https://www.biodiversitylibrary.org/page/45753175#page/199/mode/1up

 

Rudloff, K. (1998): Das Tierporträt. Nilgrasratte. Mitteilungen der Bundesarbeitsgruppe (BAG) Kleinsäuger (2/1998).

 

Wilson, D.E. & D. M. Reeder (Hrsg.) (2005): Arvicanthis. Mammal Species of the World. A Taxonomic and Geographic Reference. https://www.departments.bucknell.edu/biology/resources/msw3/browse.asp?s=y&id=13001237