Mittelmeer-Feldmaus

Die Mittelmeer-Feldmaus oder Levante-Wühlmaus (Microtus guentheri) wird seit einigen Jahrzehnten in Europa gehalten, ist jedoch weder in Zoos noch in privater Hand je sonderlich verbreitet gewesen. Laut zootierliste.de wird sie mindestens seit 1938 (London Zoo) vereinzelt in zoologischen Einrichtungen gezeigt. Der älteste Eintrag für Deutschland ist eine Haltung im Zoo Kleve, die 1994 endete. Hinweise auf die private Haltung und Zucht seit mindestens 1999 liefert eine Tierbestandsliste der BAG Kleinsäuger. In den 2000er Jahren wurde die Art auch in entsprechender Literatur besprochen (vgl. Ehrlich 2003, Sistermann 2005/2008).

In den BAG-Tierbestandslisten der letzten Jahre zeigt sich, dass Microtus guentheri zwar nur in einer kleinen Population gehalten und gezüchtet wird, jedoch werden jedes Jahr immerhin mindestens drei Privathaltungen und drei Zoohaltungen gemeldet. Dennoch sollte die Bestandsentwicklung in der europäischen Haltung aufmerksam beobachtet werden. Die Mittelmeer-Feldmaus ist eine der letzten noch existierenden Wühlmausarten in der privaten Kleinsäugerzucht: Die Mitteleuropäische Feldmaus wurde jahrzehntelang in diversen Farbvarianten gezüchtet, die alle verschwunden sind. Ebenso erging es der noch vor zehn Jahren verbreiteten albinotischen Form der Rötelmaus, der besonders großen Orkney-Feldmaus, der Brandts-Steppenwühlmaus und wahrscheinlich auch der semiaquatischen Schilfwühlmaus. Die Wühlmäuse zeigen eine variantenreiche Artenfülle, die die Aufmerksamkeit von interessierten Halter_innen verdient.

Verbreitung und Lebensraum

Das Verbreitungsgebiet der Mittelmeer-Feldmaus ist groß und erstreckt sich lückenlos von südöstlichen Balkanländern über die Türkei und Syrien bis Israel. Die anpassungsfähige Wühlmausart ist in verschiedenen Habitaten bis zu einer Höhe von 500 m über dem Meeresspiegel häufig und lokal sogar sehr häufig zu finden.
Eine isolierte und in ihrem Bestand auch eher gefährdete Population im Nordlibanon kommt auch in höheren Lagen von bis zu 1500 m vor. Die libanesische Population wird teilweise als eigene Art (M. mustersi) angesehen. (vgl. Amori 2016)

Die bevorzugten Lebensräume sind trockenes Grasland mit kurzem Bewuchs, aber auch Flussufer, felsiges Gelände, Olivenhaine und andere landwirtschaftlich genutzte Flächen. (vgl. Grimmberger & Rudloff 2009, S. 116).

Biologie

Microtus guentheri ist eine relativ große Feldmausart. Die Kopf-Rumpf-Länge beträgt 92 bis 138 mm, der Schwanz misst etwa 30% der KRL (vgl. Grimmberger & Rudloff 2009, S. 115). Das durchschnittliche Gewicht wird bei AnAge (2018) mit 51,6 g angegeben. Sistermann (2007) gibt eine Kopf-Rumpf-Länge von 11 - 15 cm bei einem Gewicht von 18 - 60 g an.
 

Der Körperbau ist, wie für Wühlmäuse typisch, kompakt. Der Kopf ist groß mit hoch angesetzten Augen und kurzen runden Ohren. Das Fell ist oberseits graubbraun bis dunkelbraun und unterseits grau. Die Färbung von Körperunterseite und Körperoberseite sind nicht scharf voneineinander abgegrenzt. Eher lässt sich bei einzelnen Tieren eine verschwommene gelbliche Linie erkennen. (vgl. Grimmberger & Rudloff 2009, S. 116)

 

Die Levante-Wühlmaus lebt in Familiengruppen und kleinen Kolonien. Die Wohnbauten werden von den Tieren selbst gegraben und liegen nur 15 - 20 cm  (selten tiefer als 40 cm) unter der Erdoberfläche. Ein Gangsystem kann insgesamt bis zu 10 m lang sein, die mit trockenem Gras gepolsterten Nestkammern sind durchschnittlich 13 cm lang und 7 - 9 cm im Durchmesser (vgl. Çolak 1998, S. 290). Ebenso legen Mittelmeer-Feldmäuse, je nach Habitat, Lauftunnel durch das dichte Gras an. (vgl. Sistermann 2007)

Die Tiere sind sowohl bei Tag also auch nachts aktiv und begeben sich sowohl oberirdisch als auch unterirdisch auf Nahrungssuche. Futter wird sofort oder in der Sicherheit ihrer unterirdischen Gänge gefressen, jedoch nicht im Bau gelagert. (vgl. Çolak 1998, S. 289/290)

 

Microtus guentheri kann sich das ganze Jahr über fortpflanzen. In wildlebenden Populationen kommen über ein Drittel Jungtiere eine Jahres im März zur Welt, während unter Laborbedingungen vor allem zwischen November und April die meisten Würfe dokumentiert wurden. Weibchen können unmittelbar nach der Geburt wieder trächtig werden (Oestrus post partum), nehmen aber auch während der Jungenaufzucht oder spätestens nach der Entwöhnung der Jungtiere wieder auf. Davon abhängig liegen zwischen zwei Würfen liegen 21 bis 50 Tage. Insgesamt werfen Weibchen etwa ein bis drei pro Jahr. (vgl. Cohen-Shlagmann et al 1983, S. 149). Sistermann (2007) berichtet, dass Massenvermehrungen in besonders fruchtbaren Jahren zu großen Wanderungen führen.

 

Die Lebensdauer wird meist mit durchschnittlich zwei Jahren angegeben (vgl. Sistermann 2007). Laut AnAge (2018) ist das älteste Exemplar 3,9 Jahre alt geworden.

Haltung

Mittelmeer-Feldmäuse sind relativ genügsame Mäuseartige, die sich auch für Anfänger_innen eignen. Die gesellige Art sollte nie allein gehalten werden. Sistermann (2007) empfiehlt eine Gruppengröße von vier bis sechs, bei einer Überzahl von Weibchen gegenüber Männchen.

 

Bedingt durch die Forschungsanforderungen haben Cohen-Shlagmann et al (1983) die Tiere größtenteils einzeln in kleinen Glasterrarien (30 x 35 x 22 cm bzw. 45 x 30 x 22 cm) gehalten. Wenn Paare zusammengestellt wurden, erhielten diese einen Drahtkäfig mit den Abmessungen 48 x 34 x 20 cm (vgl. ebd. S. 149). Eine Haltung unter diesen Bedingungen ist heute nicht mehr als tiergerecht zu betrachten und widerspricht dem Gutachten über die Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren, das für mittelgroße Mäusearten 0,5m² für ein bis zwei Tiere vorsieht (BMEL 2014, S. 139). Diese Abmessungen für ein Paar nennt auch Ehrlich (2006, S. 115f). Ebenso empfiehlt Sistermann (2007) für kleine Gruppen die Maße von 120 x 50 cm. Da die Tiere kaum klettern, sondern eher graben und wühlen, kann ein Aquarium einem Käfig oder Terrarium vorgezogen werden.

 

Für den Bodengrund kann auf gängige Streusorten und andere Substrate zurückgegriffen werden. Cohen-Shlagmann et al (1983, S. 148) nennen Sägemehl und Stroh, während Sistermann (2007) von guten Erfahrungen mit Blumenerde und Rindenmulch sowie Walderde berichtet. Ebenso kann eine Mischung, z. B aus Hanfstreu und Erde verwendet und etwa 20 cm tief eingestreut werden. Die Tiere graben nicht nur unterirdische Gänge in der Einstreu, sondern bauen auch Tunnel in einer Schickt Heu, die zusätzlich auf den Bodengrund gelegt wird. Zur weiteren Strukturierung des Beckens eigenen sich Wellensittich-Nistkästen, umgedrehte Blumentöpfe, Wurzeln, Steine, Korkröhren und Obstbaumäste. Laufräder werden von Microtus guentheri ebenso wie von den meisten anderen Kleintieren gerne angenommen.

Ernährung

Die hauptsächliche Nahrung von Microtus guentheri besteht aus grünen Pflanzenbestandteilen. In Israel ist sie vor allem auf Alfalfa-Feldern zu finden, wo sie sich von der gesamten Pflanze ernährt. Während einer Freilandstudie in der Türkei wurde vor allem die Aufnahme von Kratzdisteln (Cirsium), Leimkräutern (Silene), Steinkräutern (Alyssum) und verschiedenen Arten von Süßgräsern (Graminae) nachgewiesen. Im Labor bevorzugten die Tiere frische Blätter und Kräuter gegenüber Samen (Çolak 1998, S. 290). 

Cohen-Shlagmann et al (1983, S. 148) fütterten ihre Kolonie mit Alfalfa, frischen Möhren und Äpfeln. Sistermann (2007) empfiehlt Heu und Wurzelgemüse neben einer Mischung aus Wellensittichfutter und Hamsterfutter. Darüber hinaus warnt er, vor dem Risiko von Diabetes bei zu reichhaltiger Fütterung mit einfachen Kohlenhydraten. Ehrlich (2006, S. 115f) betont die Fütterung von Gras und frischen Wildkräutern.  

 

Mit Blick auf die Ernährung freilebender Mittelmeer-Feldmäuse, ist eine Fütterung vorwiegend mit grünen Pflanzenteilen zu bevorzugen. Hierzu eigenen sich neben Salaten, Fenchelgrün, Kohlrabiblättern, frischen Küchenkräutern, Chinakohl und Pak Choi aus dem Lebensmittelhandel auch selbst gesammelte Obstbaumzweige, Blätter von Hasel, Birke, Hainbuche, Brombeere und Himbeere und verschiedene Gräser und Kräuter. Ebenso sind Garten- oder Balkonpflanzen (Bambus, Malve) oder Zimmerpflanzen (Tradeskantien, Grünlilie) geeignet. Katzengras, Schönpolster oder der bereits genannte Alfalfa sind leicht selbst zu kultivieren. Zusätzlich können Karotten und anderes Gemüse angeboten werden. Heu sollte immer zur Verfügung stehen.

Bei der weiteren Fütterung habe ich gute Erfahrungen mit Degufutter und extrudiertem Futter für Farbratten gemacht. Ebenso werden getrocknete Mehlwürmer und Eifutter für Vögel gerne angenommen.

 

Zucht

Wie bei vielen anderen Nagetierarten auch, sind bei der Levante-Wühlmaus die Weibchen mit etwa 60 Tagen signifikant früher geschlechtsreif als die Männchen (95 Tage). (vgl. AnAge 2018)

 

Cohen-Shlagmann et al (1983) beobachteten nur in einem Fall ein Männchen das im Alter von 85 Tage nachgewiesen zeugungsfähig war und geben ansonsten für die männliche Geschlechtsreife ein Mindestalter von 100 Tagen an. Weibchen die mit Männchen aufwachsen, entwickelten sich langsamer, jedoch wurde auch ein Exemplar beobachtet, das bereits im Alter von 30 Tagen fortpflanzungsfähig war. (ebd. S. 150).

 

Nach einer für Mäuseartige durchschnittlichen Tragezeit von etwa drei Wochen (21 Tage) kommen durchschnittlich 5 - 6 Jungtiere (1 -10; Cohen-Shlagmann et al 1983, S. 148) mit einem Geburtsgewicht von etwa 3 g zur Welt. AnAge (2018) gibt eine Wurfgröße von 6 Jungtieren an, Sistermann (2007) nennt 1 bis 4 Jungtiere. Die Welpen sind bei der Geburt nackt, blind und taub. Auch die Zehen sind in der ersten Woche noch miteinander verwachsen. Am 4. Lebenstag treten, am Rücken beginnend, die Haarspitzen aus der Haut. Augen und Ohren öffnen sich etwa nach 10 bis 16 Tagen Tagen. Im gleichen Alter beginnen die Jungen bereits vereinzelt feste Nahrung aufzunehmen. (vgl. Cohen-Shlagmann et al 1983, S. 15; vgl auch Çolak 1998, S. 289). Die Jungtiere werden 18 (AnAge 2018) bzw. 20 Tage (Cohen-Shlagmann et al 1983, S. 151) lang gesäugt und wiegen bei der Entwöhnung durchschnittlich 15 g (AnAge 2018). Insbesondere säugende Weibchen reagieren auf Störungen mit aggressivem Verhalten gegenüber dem Menschen. (vgl. Sistermann 2008, S. 71).

 

Auch bei Microtus guentheri kommt es häufig kurz nach der Geburt der Jungtiere zu einem erneuten Eisprung und einer direkt folgenden Trächtigkeit. Somit liegt das Intervall zwischen zwei Würfen häufig nur bei etwa vier Wochen (AnAge 2018, vgl. auch Cohen-Shlagmann et al 1983, S. 148). Aufgrund dessen und aufgrund der raschen Generationsfolge, können sich die Nachkommenzahl und der Tierbestand rasant vervielfachen. Deshalb empfiehlt Sistermann (2007), Männchen und Weibchen nach einem Wurf zu trennen. Ist eine große Zahl an Nachzuchten gewünscht, sollten Jungtiere dennoch im Alter von etwa vier Wochen abgesetzt werden. German (1990) berichtet, dass insbesondere die Zucht im Harem mit einem Männchen und fünf bis 15 Weibchen einen "Ertrag" von bis zu 90 entwöhnten Jungtieren pro Monat liefert.  Microtus guentheri ist jedoch keine Tierart, für die eine sonderlich große Nachfrage besteht.  

 

Wildlebende Mittelmeer-Feldmäuse ziehen im Jahr durchschnittlich 3,3 Würfe auf (AnAge 2018), unter Laborbedingungen wurden ein bis fünf Würfe gezählt (Cohen-Shlagmann et al 1983, S. 150). Çolak (1998, S. 289) dokumentierte bis zu sieben Würfe. Die beste Aufzuchtquote ist bei den ersten drei Würfen am besten (Cohen-Shlagmann et al 1983, S. 150). 

mehr

Amori, G. (2016): Microtus guentheri. The IUCN Red List of Threatened Species 2016: e.T13463A115518923. http://dx.doi.org/10.2305/IUCN.UK.2016-3.RLTS.T13463A22349143.en.

 
AnAge (2018): Entry for Microtus guentheri. http://genomics.senescence.info/species/entry.php?species=Microtus_guentheri

 

BMEL. Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (2014): Gutachten über die Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren.

 

Cohen-Shlagmann, L.; Hellwing, S. & Y. Yom-Tov (1983): The biology of the Levant vole, Microtus guentheri, in Israel. In: Zeitschrift für Säugetierkunde (49), S. 148-156.

 

Çolak, E. (1998): A Study on Ecology and Biology of  Microtus guentheri Danford and Alston, 1880 (Mammalia: Rodentia) in Turkey. Turkish Journal of Zoology. Vol. 22. S. 289 - 295.

 

Ehrlich, C. (2006): Kleinsäuger im Terrarium. Natur und Tier-Verlag, Münster

 

German, A. (1990): Harem breeding of Levant voles (Microtus guentheri) in the labatory. Israel Journal of Zoology. Vol. 37 (2). S 89-95

 

Grimmberger, E. & K. Rudloff (2009): Atlas der Säugetiere Europas, Nordafrikas und Vorderasiens. Natur und Tier-Verlag, Münster.

 

Sistermann, R. (2005): Heimtiere aus dem Untergrund - Haltung, Ernährung und Zucht von Wühlmäusen. RODENTIA 27, September/Oktober 2005. S.48

 

Sistermann, R. (2007): Levante-Wühlmaus. http://www.rodent-info.net/levante_wuehlmaus_allgemeines.htm?fbclid=IwAR0H4s3GmxS1c8qrg6h_A54-QCVepBWaR-puqmSCaRRIKalzhENZhnCHl2c

 

Sistermann, R. (2008): Steppenlemminge und andere Wühlmäuse. Natur und Tier-Verlag, Münster