Vielzitzenmäuse

Die Vielzitzenmäuse (Mastomys) sind eine in ganz Afrika südlich der Sahara verbreitete Gattung der Altweltmäuse. Sie gehören zu den erfolgreichsten Nagetieren des afrikanischen Kontinents, da sie eine Vielzahl von Habitaten besiedelt haben und mit einer Art auch zu einem Kulturfolger des Menschen geworden sind. Namensgebend ist die Anzahl der Zitzen, die bei manchen Arten 24 erreichen kann, mehr als bei jedem anderen Nagetier.

Es war früher üblich, die Vielzitzenmäuse bei den Echten Ratten (Rattus) einzuordnen. Mistonne konnte 1969 aufzeigen, dass keine besonders enge Verwandtschaft zwischen beiden herrscht; stattdessen ordnete er sie als Untergattung bei den Afrikanischen Weichratten (Praomys) ein. Obwohl sie mit diesen wohl tatsächlich sehr dicht verwandt sind, ist es heute allgemein üblich, die Vielzitzenmäuse in eine eigenständige Gattung Mastomys zu stellen.

Je nach Art haben Vielzitzenmäuse eine Kopfrumpflänge von 6 bis 17 cm; hinzu kommt ein 6 bis 15 cm langer Schwanz. Das Fell ist oberseits braun oder grau und unterseits grau oder weiß gefärbt. Die Gestalt ähnelt sehr einer echten Ratte, und die Unterschiede treten erst bei einer Analyse von Merkmalen des Schädels und des Gebisses zutage.

Die natürlichen Habitate sind Savannen, Halbwüsten und Trockenwälder. Eine Art hat sich auf die aride Sahelzone spezialisiert, eine andere ist in den Okavango-Sümpfen endemisch. Die Natal-Vielzitzenmaus ist als Kulturfolger bekannt und als Krankheitsüberträger gefürchtet. Alle Vielzitzenmäuse sind außerordentlich reproduktiv. Die durchschnittliche Zahl der Jungen im Wurf beträgt zehn bis zwölf, es können jedoch bis zu 22 Junge sein. Zwei Würfe im Jahr scheinen die Regel zu sein.

Die Tragzeit beträgt im Mittel 24 Tage. Das Geburtsgewicht schwankt zwischen 1,0-1,7 Gramm. Die Geburtsgröße liegt bei 3,2-3,6 cm. Mit etwa 8-10 Tagen sind die Jungtiere voll behaart. Nach etwa 14 Tagen öffnen sie die Augen und beginnen bereits feste Nahrung aufzunehmen. Nach 20 Tagen haben die Jungtiere ein Gewicht von 10-12 Gramm erreicht. Die Geschlechtsreife tritt im Alter von 4-6 Wochen ein. Das Weibchen ist bereits 5-24 Stunden nach der Geburt wieder brünstig.

 

Systematik

Über die Zahl der Arten gibt es Uneinigkeit, da es viele abweichende Meinungen über die Abgrenzung der Arten gegeneinander gibt.  Nowak (1999) benennt 8 Arten, von denen zwei Arten (und ihre Hybridisierungen) in Deutschland vorkommen:

  • Natal-Vielzitzenmaus, Mastomys natalensis, ursprünglich südliches Afrika, heute als Kulturfolger in ganz Afrika südlich der Sahara
  • Südliche Vielzitzenmaus, Mastomys coucha, südliches Afrika

 

Vielzitzenmaus Platinum
Platinum

 

Die Natal-Vielzitzenmaus

Die beiden Arten Mastomys natalensis und Mastomys coucha wurden bis in die 1980er als Mastomys coucha zu einer einzigen Art zusammengefasst. Die Unterscheidung erfolgt lediglich auf morphologischen Merkmalen des Schädels und des Phallus sowie aufgrund von Unterschieden bei den Ultraschall-Lautgebungen und den Pheromonen. Allein die Natal-Vielzitzenmaus (Mastomys natalensis) ist zu einem Kulturfolger des Menschen geworden.

Es wird angenommen, dass das Verbreitungsgebiet einst auf Südafrika beschränkt war, wo sie ein Bewohner von Savannen war. Im Gefolge des Menschen breitete sie sich dann über ganz Afrika südlich der Sahara aus. Heute ist die Natal-Vielzitzenmaus in afrikanischen Dörfern weit verbreitet, aber nicht in großen Städten. Die Eroberung der Städte misslang wohl durch die Konkurrenz der überlegenen Hausratten und Wanderratten. Doch auch in zahlreichen Regionen des ländlichen Afrikas gehen die Bestandszahlen der Natal-Vielzitzenmaus heute durch ein Vordringen der Wanderratte zurück. Nur in entlegeneren Dörfern bleibt die Vielzitzenmaus die häufigere und oft alleinige Art.

Wegen ihrer starken Vermehrungsrate gelten Natal-Vielzitzenmäuse als ernste Plage. Sie bewohnen menschliche Behausungen und ernähren sich von den dortigen Vorräten. Zudem übertragen sie gefürchtete Krankheiten wie die Pest, Leptospirose und Lassafieber. Im Falle der Pest dürften sich Vielzitzenmäuse selbst bei Ratten infiziert haben, die von Schiffen aus nach Schwarzafrika gelangten und deren Rattenflöhe auf die Vielzitzenmäuse übersprangen.

Da diese Art in der Haltung geruchsloser als Hausmäuse ist, wird sie in Deutschland gerne als Futtertier für Schlangen gezüchtet

Vielzitzenmäuse als Haustiere

Vielzitzenmäuse werden seit vielen Jahren in Südafrika als Labortiere gezüchtet. In den 50er Jahren kamen die ersten Importe in Deutschland an. Die Tiere waren allesamt gelb und hatten rote Augen. Die eigentliche Wildform wurde erst später eingeführt. Darauf folgten dann eine hellbraune Mutante sowie zwei Scheckungsformen. Als Bezeichnungen für die Farbschläge sind Agouti (+/+), Cinnamon (b/b), Argente (p/p) und Beige (b/b p/p) bekannt. Seit 2006 werden vermehrt auch sogenannte Platinums, High Whites oder "Albinos" angeboten. Bei diesen Farben handelt es sich nicht um eigene Farbschläge sondern um durch Selektion entstandene 100%ige Schecken, die keine dunklen Flecken mehr haben. Platinums und High Whites haben schwarze Augen, wobei die Platinums noch schwarze Ohren tragen. Die "Albinos" haben rote Augen. Echte Albinos gibt es bei Vielzitzenmäusen noch gar nicht. Genausowenig sind bislang non-Agoutis oder abweichende Felltexturen aufgetreten. [Mehr zur Farbgenetik]

Vielzitzenmaus High White
High White

Haltung

Vielzitzenmäuse sind außerordentlich gesellige Tiere mit ausgeprägtem Sozialverhalten. Sie bauen Gänge und Nestkammern zwischen dem Wurzelwerk von Sträuchern und gehen von dort aus auf Nahrungssuche.

In der Heimtierhaltung sollten also mindestens zwei, besser aber drei bis sechs Mäuse zusammen in einem großen Terrarium (mindestens 80 x 40 cm)gehalten werden. Als Bodengrund eignen sich alle möglichen für Käfigtiere angebotenen Materialien. Baumwollstreu und Weichholzhäcksel sind besonders effektiv. Neben verschiedenen Höhlen und Tunnels brauchen Tiere dicke Obstbaumäste zum Klettern und Benagen. Der Nagetrieb ist sehr stark, sodass Einrichtungsgegenstände entweder sehr stabil sein sollten, oder oft erneuert werden müssen. Der Heimtierhandel bietet viele Möglichkeiten zur Einrichtung des Mäuseheims. Erhöhte Aussichtsplätze und besonders Hängematten werden von allen Tieren genutzt.

Vielzitzenmaus High White
High White

Ernährung

Vielzitzenmäuse ernähren sich vor allem von Samen und allen möglichen anderen Pflanzenteilen. Dazu kommt tierische Nahrung in Form von Wirbellosen. Normalerweise überfressen sich die Tiere nicht und verfetten nur bei falscher Zusammensetzung des Futters und/oder mangelnder Bewegung. Eine einfache Mischung bestehend aus Premium-Großsittichfutter und Rattenfutter im Verhältnis 1:1 ist eine sehr gute Basis, die mit verschiedenen anderen Saaten (Getreide, Hanfsamen), getrocknetem Gemüse (Rote Beete, Karottenchips, Maisflocken) und getrockneten Kräutern (im Handel für Chinchillas erhältlich) angereichert werden kann. Tierisches Eiweiß sollte nicht nur sporadisch, sondern täglich angeboten werden. Lebende Insekten sind eine gute Beschäftigungsmöglichkeit für die Vielzitzenmäuse, der Einfachheit halber können getrocknete Insekten oder Katzentrockenfutter direkt in das Trockenfutter gemischt werden.

Die omnivoren Mäuse vertragen alle möglichen Sorten von Speisegemüse und Obst. Sehr gut geeignet sind u.a. Fenchel, Rote Beete, Möhren, Schwarzwurzel, Sellerie, Gurke, Zucchini, Apfel, Banane und Weintrauben. Kräuter und andere Futterpflanzen können in der Natur gesammelt (Löwenzahn, Wegerich, Gänseblümchen), gekauft (Basilikum, Schönpolster) oder selbst aus gekeimten Futtersaaten gezogen werden.