Farbgenetik

Argente
Argente

Vielzitzenmäuse (Mastomys) sind in Afrika schon seit langer Zeit beliebte Labortiere. Zum einen wegen ihrer schnellen Generationsfolge und der hohen Vermehrungsrate (Würfe mit 16-18 Jungtieren sind die Regel), sondern auch wegen ihrer Anpassungsfähigkeit. Wie bei vielen Tierarten sind auch bei der Vielzitzenmaus die ersten Fellmutationen im Labor entdeckt und weitergezüchtet worden.

Bereits in den 1950er Jahren gelangten aus südafrikanischen Zuchten "gelbe Vielzitzenratten" nach West-Deutschland und in die DDR und auch die Scheckungsmutation ließ nicht lange auf sich warten. Nachdem ich 2009 bereits für das Metalmonkeyexotics-Blog über die Genetik weißer Vielzitzenmäuse geschrieben habe, kommt hier nun eine Zusammenfassung aller Mutationen auf deutsch.

 

Es ist schwer zu sagen, welcher Art unsere Vielzitzenmäuse nun genau angehören: Mastomys coucha, Mastomys natalensis oder von beiden ein wenig? In jedem Fall ist die in Mitteleuropa gezüchtete Vielzitzenmaus in allen Farbschlägen weit verbreitet. Es bedeutet sogar längere Suche und Mühe, ein Tier vom Wildtyp zu bekommen.

 

Bevor sämtliche Farbmutationen, ihre Kombinationen und Zeichnungsformen besprochen werden, soll zunächst auf diesen Wildtyp eingegangen werden. Die Wildfarbe ist dunkelgraubraun. Das Fell weist ein Ticking auf: was bedeutet, dass das einzelne Haar gebändert ist. Der Bauch ist grauweiß. Die Augen sind schwarz, die Ohren wie das Fell dunkelbraun. Nestjunge Tiere wirken fast schwarz, bis sie selbstständig fressen überwiegt dunkelgrau. Erst im Lauf der Zeit werden sie immer mehr braun.

 

Leicht zu verwechseln ist die Wildfarbe mit der Braunaufhellung. Cinnamon (b/b) ist etwas heller. Es überwiegt ein gelblicher Braunton. Auch die Augen sind je nach Linie etwas heller. Bestes Unterscheidungsmerkmal zur Wildfarbe sind die Ohren, welche bei Cinnamon grundsätzlich hellrosa sind.

 

Von den vorgenannten Phasen sehr leicht zu unterscheiden ist die Pink-Eyed-Dilution. Wie der Name schon sagt, hellt diese Mutation die Augen von schwarz zu rot auf. Das semmelgelbe Fell von Argente  (p/p) entsteht durch die silbergraue und sandfarbene Bänderung der einzelnen Haare. Der Bauch ist schmutzigweiß bis hellgrau. Es ist kaum möglich, echtes Argente (p/p) von Silver Fawn (b/b p/p) oder der Kombination p/p r/r zu unterscheiden. Hier bietet das im Verhältnis dunklere Unterfell einen Hinweis. Ebenso sind die Ohren eher hell sandfarben als rosa. 

 

Eine sehr neue, oder vielleicht auch lange übersehene Mutation ist  Ruby Eyed (r/r). Man ist -besonders bei Schecken- oft geneigt, diese Farbe für Cinnamon zu halten. Die Ohren sind hell rosa und das Fell ist heller als bei der Wildfarbe. Jedoch ist der Anteil der Rotpigmente geringer, sodass der Gesamteindruck der Farbe etwas kälter ist als bei Cinnamon. Besonders die Jungtiere wirken fast graublau. Wichtigstes Unterscheidungsmerkmal sind die rotbraunen Augen, deren Helligkeit allerdings je nach Stamm variiert.

Wildfarbe
Wildfarbe
Farbe Gencode Anmerkungen
Wildfarbe
++
Cinnamon b/b
Argente p/p  
Ruby Eye Dilution        r/r                 
 

Alle genannten Mutationen können miteinander kombiniert werden. Hier zeigen sich allerdings kaum Unterschiede zu den Ausgangsfarben.

Der noch nicht benannte Farbschlag, der aus der Kombination b/b r/r entsteht, ähnelt in der Fellfarbe dem Cinnamon. Die Augenfarbe ist bei diesen Tieren jedoch auffallend rubinrot.

Kombinationen von Cinnamon oder Ruby Eyed mit p/p sind nur geringfügig heller, als Argente. Silver Fawn (b/b p/p oder p/p r/r) hat hellgraues Unterfell und die Ohren sind blass rosa.

 

Übrigens reicht schon ein kleines b aus, um Fell und Ohren eines Tieres etwas aufzuhellen. Hellgraue Ohren deuten auf den Gencode B/b hin. Weiter unten in der Bildergalerie wird der Unterschied noch einmal verdeutlicht.

Argente Headspot
Argente Headspot
Farbe
Gencode Anmerkungen
Silver Fawn                 b/b p/p oder p/p r/r    

N. n. b/b r/r
Cinnamon Headspot
Cinnamon Headspot

Besonders interessant ist die Vererbung der Scheckung bei Vielzitzenmäusen. Schon seit vielen Jahrzehnten werden gescheckte Vielzitzenmäuse gezüchtet und gehandelt. Allerdings haben sich erst in den letzten Jahren interessierte Futterzüchter und immer mehr aufkommende Vielzitzenmaus-Liebhaber eingehender mit der Vererbung der Scheckung beschäftigt. Die Scheckung kann mit jedem beliebigen Farbschlag kombiniert werden.

Das W-Gen, welches für die teilweise Weißfärbung des Fells verantwortlich ist, ist dominant. Während also ein einfarbiges Tier (w/w) durchgehend gefärbt ist und kein weißes Haar hat, verursacht die W-Mutation eine teilweise Weißfärbung des Fells. Obwohl es nur dieses eine Scheckungsgen gibt, sind zwei Zeichnungsformen verbreitet: Die heterzygote Form (Headspot) und die homozygote Form (Pied)

 

Besonders typisch für Headspot (W/w) ist die Farbverteilung wie auf dem oberen Bild. Das Tier hat eine an den Europäischen Dachs (Meles meles) erinnernde Gesichtszeichnung. Von Nase bis Oberkopf zieht sich eine weiße Blesse. Unter den Augen beginnend, über die Wangen bis hinter die Ohren verlaufen auch seitlich am Kopf zwei weiße Streifen. Natürlich besteht eine gewisse Varianz, so kommen auch Headspots vor, die keine weißen Wangen haben oder solche die einen besonders hohen Weißanteil haben.

Die zweite bekannte und sehr häufige Zeichnungsform Pied (W/W) hat eine stärkere Scheckung als Headspot. Hier ist der Kopf meistens komplett Weiß. Auch das Hinterteil ist weiß. Die Scheckung lässt sich über Generationen verstärken, indem man immer die am meisten gescheckten Tiere miteinander verpaart. Jedoch ist diesem Verfahren eine Grenze gesetzt: Züchter in den USA berichten, dass selbst nach jahrelanger Zuchtarbeit keine komplett weißen Tiere zu erzielen waren, da der Nacken immer ausgefärbt geblieben ist.

Zwischenzeitlich wurden in Europa schon Vielzitzenmäuse mit rein weißem Fell und schwarzen Ohren gezüchtet. Der Grund, weshalb niederländische und deutsche Züchter mehr Erfolg hatten als Amerikaner kann nur genetisch sein. Man geht von Weißverstärker-Modifikatoren aus, die eine stärkere Ausdehnung der Weißscheckung im Fell verursacht. Bei einer Kreuzung von Whites mit einfarbigen Tieren erreicht man schon in der F3, teilweise auch schon in der F2 komplett weiße Nachkommen.

Ruby Eyed Headspot
Ruby Eyed Headspot
Zeichnung                 
Gencode         Anmerkungen
Solid w/w
Headspot W/w syn. Gremlin
Pied
W/W syn. Check, Checker, Panda, Caped
White W/W + Modifikatoren
Argente Headspot
Argente Headspot

Abhängig von der Ohren- und Augenfarbe haben sich verschiedene Namen für die White-Variationen eingebürgert. Obwohl die auf der Wildfarbe basierdenden weiße Vielzitzenmäuse mit schwarzen Ohren schon 2004 zu bekommen waren, kam die Farbbezeichnung Platinum erst zwei Jahre später, wahrscheinlich in Anlehnung an den gleichnamigen Farbschlag bei Weißbauchigeln.

Durch Einkreuzung von Cinnamons in die Platinum-Linien erreichten zwei deutsche Züchter nahezu gleichzeitig Tiere, die nicht nur weißes Fell sondern auch weiße Ohren hatten. Diese Kombination erhielt den Namen High White. Auch die Kombination von Ruby Eyed und dem Platinum-Gen wird High White genannt. Es lässt sich ohne Testverpaarung nicht feststellen ob ein High White auf b/b oder r/r basiert.

Kurze Zeit später kam bei mir das erste rotäugige weiße Männchen zur Welt. Genauso wie bei anderen Nagetierarten üblich wird dieser Farbschlag Pink Eyed White (PEW) genannt. Mittlweile sind alle White-Varianten weit verbreitet und leicht erhältlich.

Variante          
Gencode      
Anmerkungen
Platinum            
B/- W/W nur bei B/B sind die Ohren schwarz, B/b macht mittelgraue Ohren (siehe Fotos)
High White
b/b W/W
nicht von r/r W/W zu unterscheiden
PEW p/p W/W