Wann soll man Gruppen trennen?

Horrorszenarien von Zwerghamstern die sich gegenseitig auffressen, veranlassen viele Anfänger und bereits erfahrene Halter_innen dazu, Hamster aller Art grundsätzlich einzeln zu halten.

Die Gemeinschaftshaltung von Zwerghamstern wird leider immernoch selten praktiziert. Selbst Hamsterhilfen durch deren Hände sehr viele Tiere gehen, trauen sich nicht, Zwerghamster zu mehreren zu vermitteln und trennen funktioniernde Gruppen.
Die Begründung ist oft, dass die Tiere Einzelgänger und alleine glücklicher sind (Woran erkennt man das?). Oder auch, dass die Gruppenhaltung Stress und Verletzungen, die mitunter sogar tödlich sein können, provoziert. Mehr dazu im Artikel Contra Einzelhaltung.
Sicherlich kann es immer zum Scheitern einer Gruppenhaltung kommen, um das Wohl der Tiere zu sichern, müssen streitende Zwerghamster getrennt werden. Leider sind viele Halter_innen bei der Entscheidung, wann zwei Tiere auseinandergesetzt werden sollen, auf sich gestellt. Vor allem, weil es kaum konkrete Informationen gibt. Der_die Hamsterbesitzer_in muss das Verhalten seiner Tiere irgendwie interpretieren und danach handeln. Oftmals werden verschiedene Verhaltensweisen falsch gedeutet und Zwerghamster voreilig getrennt. Umgekehrt kann es auch vorkommen, dass Tiere zu spät getrennt werden und eventuell schon Verletzungen davongetegen haben.

Dieser Artikel soll ambitionierten Zwerghamsterhalter_innen helfen, entspannt und selbstbewusst eine Gemeinschaftshaltung zu starten. Hierbei beziehe ich mich auf Campbell-Zwerghamster.

Welche Gruppenkostellationen sind empfehlenswert?
Ich empfehle grundsätzlich die Haltung von zwei bis vier gleichgeschlechtlichen Tieren. Die Tiere bilden eine einfache Rangfolge und bewohnen ein gemeinsames Nest. Besonders harmonisch leben zwei Männchen aus dem selbem Wurf. Aber auch Halbbrüder aus verschiedenen Würfen oder nicht verwandte Jungtiere, die zusammen aufgewachsen sind, vertragen sich sehr gut. Der Altersunterschied sollte nicht größer als sechs Monate sein. Bei Weibchen können Geschwisterpaare oftmals problematisch werden. Ein_e gute_r Züchter_in vermittelt nur zwei Schwestern, die sich auch wirklich vertragen. Stutenbissigkeit, selbst unter Schwestern, ist schon sehr früh festzustellen. Gute Erfahrungen wurden mit Mutter-Tochter-Konstellationen gemacht.

Woran erkenne ich, dass die Hamster sich mögen oder nicht?

Die Vorstellungen davon, wie eine harmonische Gruppe aussieht, gehen auseinander. Selbst bei hochsozialen Nagetieren wie Wanderratten oder Präriehunden wird man nicht sehen, dass Tiere die sich besonders mögen Schulter an Schulter durch die Welt gehen und gemeinsam essen, trinken und schlafen. Wie auch bei anderen Nagern findet das Sozialverhalten beim Zwerghamster vornehmlich im Bau statt, während bei der Futtersuche und der Revierabsicherung außerhalb des Baus jeder auf sich gestellt ist. Das bedeutet: der_die Halter_in bekommt kaum etwas von gegenseitiger Fellpflege in der Schlafhöhle mit und sieht die Tiere draußen größtenteils vereinzelt. Insgesamt ist es schwierig, von "mögen" zu sprechen. Ein eindeutiges Anzeichen einer hamonischen Gruppe ist ein gemeinschaftlich genutztes Nest und gemeinsamem Futterdepot. Tiere, die zur Vermeidung von Konflikten stets getrennt schlafen, müssen jedoch auch nicht sofort getrennt werden. Die Anwesenheit eines Artgenossen, auch wenn er nicht der Traumpartner ist, ist oftmals besser als vollkommene Isolation.

Drohgebärde
Imponiergehabe zwischen zwei jungen Männchen

Wann muss ich hellhörig werden?

Gründe, aufmerksamer zu beobachten sind noch lange keine Gründe für eine Trennung der Gruppe. Wie bei anderen Gemeinschaften auch, kommt es in einer Hamster-WG mal zu Differenzen, die lautstark ausgetragen werden müssen. Schreiereien im Gehege kommen besonders bei Weibchengruppen häufiger vor, stellen sich jedoch in den meisten Fällen als harmlos heraus. Dennoch, sollte der_die Halter_in aufmerksam bleiben. Anzeichen für eine Schieflage in der Gruppe ist unverhältnismäßiger Futterneid. Wird ein Tier massiv vom Fressen abgehalten, muss sichergestellt werden, dass dieses ausreichend Futter bekommt und der Fall weiter beobachtet werden. Genauso sind ständiges Unterwerfen eines Tieres durch einen oder mehrere Artgenossen Grund zum genaueren Hinsehen.

Wann wird es ernst?
Sobald ein Tier das andere unentwegt angreift und es zu wilden Jagereien kommt, besteht Grund zu erhöhter Vorsicht. Voreilig trennen sollte man dennoch nicht: Rangkämpfe können bei gleich starken Individuen sehr wild ausfallen, sind jedoch nach einem oder zwei Tagen vorbei.
Nasse Stellen im Fell des unterlegenen Tiers deuten kurz nach einer Auseinandersetzung darauf hin, dass der Aggressor zwar in den Pelz gebissen hat, jedoch nicht in die Haut. Natürlich sind solche Gefechte ernst zu nehmen und bedürfen gesteigerter Aufmerksamkeit des_der Halter_in.

catfight hamster
Unterwerfung

Wann ist eine Trennung unumgänglich?

Es gibt Anzeichen, die nach meiner Erfahrung eindeutig auf ein Zusammenbrechen der Gruppe und eine Gefährung der körperlichen und psychischen Gesundheit einzelner Tiere hinweisen.

Hierzu gehört ein besonderer Schrei, vornehmlich bei Weibchen, der darauf hinweist, dass das Tier zwar wehrlos ist, aber dennoch angegriffen wird. Dieser helle Schrei ist dem bereits beschriebenen Zickengeschrei sehr ähnlich, allerdings lässt sich ein hartes "Trillern" heraushören, wie es Zwerghamster beim Angriff eines Fressfeindes von sich geben. In der Heimtierhaltung hören wir dieses Trillern in erster Linie bei Jungtieren, die sich aus Angst vor der Hand des_der Halter_in schreiend auf den Rücken werfen. Das trillernde Hilfeschreien sollte bei aufmerksamen Hamsterhalter_innen die Alarmglocken schrillen lassen. Die Unversehrtheit des unterlegenen Tieres ist nicht mehr gewährleistet.

Weiterer akustischer Anhaltspunkt für ernstzunehmende Ausschreitungen ist vom Aggressor selbst zu vernehmen: Zähneknirschen. Bei wilden Verfolgungsjagden durch das Gehege klappert und schleift das jagende Tier mit deutlich hörbar mit den Zähnen. In solchen von mir beobachteten Situationen kam es immer in nächster Zeit zu Beißereien. Auch wenn diese unblutig verliefen, konnte die Gruppe ihrer Konstellation nicht bestehen bleiben.

Es gibt natürlich auch eindeutig sichtbare Indikatoren für die Drangsalierung eines einzelnen Tieres durch ein oder mehrere Gruppenmitglieder. Je massiver die Situation desto schlechter sieht das Individuum, auf welches die Angriffe zielen, aus. Besonders auffällig sind zerrupfter Pelz und natürlich auch Bisswunden, vornehmlich im Bereich des Hinterteils, aber auch im Gesicht und an den Vorderpfoten . Der körperliche und psychische Stress ist für das Tier sehr hoch, es sollte umgehend von den Aggressoren getrennt werden. Diese bleiben oftmals auch nicht unversehrt: Da unterworfene Tiere, während sie auf dem Rücken liegen, durch Strampeln mit den Hinterbeinen und Schlagen mit den Vorderpfoten versuchen sich zu wehren, ist besonders die Nase des Angreifers durch Schürfwunden gekennzeichnet.

In all den unter dieser Überschrift genannten Fällen ist also eine Trennung der Tiere angezeigt.

Wie trennen?

Bei größeren Gruppen kann der_die Halter_in den in der Gruppe unterlegenen oder dominierenden Zwerghamster mit einem oder mehreren Artgenossen zusammen aus der Gruppe nehmen, sodass kein Tier alleine bleibt. Es ist wenig erstrebenswert, den Übeltäter durch Einzelhaft zu bestrafen oder das angegriffene Tier aus Angst vor Attacken von vorher friedlichen Artgenossen zu isolieren. Das unterlegene Tier erholt sich im Kreise ihm bekannter und wohlgesinnter Gruppenmitglieder erwiesenermaßen deutlich schneller.

 

Hält man nur wenige Tiere, sodass die Isolierung eines Tieres unumgänglich ist, muss der Halter bei der Entscheidung, welcher Hamster bei der Gruppe bleiben darf, auf die Sympathien im Sozialverband achten. Manchmal ist es besser, den Aggressor aus der Gruppe zu entfernen, da er sich eventuell eine neue Zielscheibe sucht, in anderen Fällen macht es keinen Sinn, das "Opfer" in der Gruppe zu belassen, da es ohnehin keinen guten Stand bei den anderen hat.

Neu vergesellschaften?

Hat man nun einen oder mehrere Tiere vereinzelt, stellt sich zwangsläufig die Frage, ob man eine Neuvergesellschaftung mit neuen Hamstern starten sollte. Grundsätzlich stehen die Chancen, einer erfolgreichen Zusammenführung mit anderen Tieren sehr gut. Jedoch sollte der_die Halter_in sich bewusst machen, dass ein Scheitern dazu führen kann, dass man mehrere Tiere einzeln hält. Stellt sich ein Tier als absolut unverträglich heraus, ist es kein Verbrechen, dieses künftig allein zu halten.

Hinweis für Züchter_innen

Zu einer seriösen und planvollen Zucht gehört nicht allein das Verfolgen der Ziele Gesundheit, Typ und Farbe sondern ganz besonders das Wesen der Tiere. Zwerghamster die durch Beißattacken gegen Artgenossen auffallen, sollten ebenso aus der Zucht genommen werden, wie Tiere, die vom Rest der Gruppe als Boxsack benutzt werden. Zwerghamster sollten selbstbewusst aber nicht überdominant, friedlich aber nicht unterwürfig sein. Das Zuchtziel sieht einen sozial und charakterlich gefestigten Hamster vor.

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Kommentare: 7
  • #1

    Ingo (Sonntag, 05 Dezember 2010 08:04)

    Ein wirklich gut geschreibener Artikel über Gruppenhaltung von Campblies. Könnte mir vorstellen selber mal eine Gruppenhaltung zu versuchen.

  • #2

    deguzucht (Dienstag, 14 Dezember 2010 12:11)

    Hallo Stefan,

    der Artikel ist wirklich sehr gut verfasst und schön ausführlich und gut verständlich. Interessanter Weise habe ich auch gerade einen Artikel in diese Richtung veröffentlicht. Kannst ja gern einmal schauen.

    Liebe Grüße
    Jessy

    P.S. Hast du meine Email gekriegt?

  • #3

    Tamara (Donnerstag, 20 Januar 2011 14:29)

    Hallo,

    danke für den Beitrag, der hat mir grade sehr weitergeholfen.
    Ich habe eine Campbell Weiber Gruppe (Mutter mit ihren drei Töchtern) und hatte überlegt die Mutter heut von den Töchtern zu trennen und bin dank dem Artikel zu dem Entschluss gekommen es nicht zu tun.
    Anscheinend sind sie sich nur noch nicht über die Rangordnung sicher. Die Kleinen sind bald ausgewachsen (von der Körpergröße) und Mama will "Alphatier" bleiben =D

    lG

  • #4

    steini (Sonntag, 04 März 2012 00:10)

    Ich muss auch sagen, dass dieser Beitrag mir sehr hilfreich war.
    Ich habe eine Weibergruppe, bestehend aus drei Roborowskihamstern. Die ersten zwei Wochen haben alle in einem Bau gehaust und alles war friedlich.
    Seit ein paar Tagen kam es zwischen Zwei immer mal wieder zu Streitereien. Einer der beiden schläft seit dem auch in einem anderen Häuschen. Heute morgen haben wir dann ein wenig Blut im Käfig entdeckt. Wir waren nicht sicher und haben den Abend noch abgewartet. Als es zwischen den beiden erneut zu einem Streit kam habe ich mir die drei mal genauer angeschaut und festgestellt, dass das das Fell am Hinterteil der "Einzelschläferin" etwas nass ist. Da schrillten bei mir die Alarmglocken und ich habe sie aus dem Käfig genommen.

    Ich war mir allerdings anschließend etwas unsicher, ob ich das nun nicht etwas voreilig entschieden habe.

    Aber dieser Beitrag ist sehr ausführlich und hat mich in meiner Entscheidung gestärkt.

    Vielen Dank! de steini

  • #5

    Piper (Freitag, 10 Mai 2013 10:46)

    Halli hallo
    ich finde den Artikel auch sehr gut.
    Allerdings hat er uns nicht wirklich geholfen.
    Wir hatten seit wenigen Monaten zwei Campbell Männchen, Halbbrüder. Die beiden haben sich super vertragen, gemeinsam geschlafen, gefressen und sind auch gemeinsam im Laufrad gelaufen (obwohl wir zwei haben). Immer wieder haben wir überlegt, ob man sie vielleicht besser trennt aber nichts hat darauf hingedeutet, dass sie Rängeleien angefangen hätten.
    Heute Morgen aber lag einer der beiden tot im Käfig und wurde vom anderen frei fröhlich gefressen/angeknabbert.
    Es gab keine Streitereien, Kämpfe nichts. Man hat nichtmal gefiepe gehört und trotzdem scheint der eine den anderen umgebracht zu haben. Eine Krankheit schließen wir aus, da es beiden bis gestern Abend noch vollkommen gut zu gehen schien.
    Ich weiß natürlich nicht, ob der eine nicht doch krank war und wir es nur nicht bemerkt haben. Habe an einigen Stellen gelesen, dass sich die Tiere nur unter bestimmten Umständen wirklich nach dem Tod fressen und die fallen alle raus.
    Bin jetzt etwas ratlos und habe ein schlechtes Gewissen.

    Trotzdem denke ich, dass so etwas nicht die Regel ist und vielen Haltern wirklich sehr mit diesem Artikel geholfen ist.

    LG
    Piper

  • #6

    ratfrett (Freitag, 10 Mai 2013 10:53)

    Hallo Piper,
    dass Zwerghamster verstorbene Artgenossen auffressen, ist vollkommen normales Verhalten und muss kein Hinweis sein, dass der eine den anderen getötet hat.
    Viele soziale Nagetiere tun das, da der Geruch des verwesenden Körpers Feinde anlocken könnte.

  • #7

    earl of wurstgewitter (Samstag, 05 August 2017 14:09)

    Vielen Dank für diesen interessanten Artikel.