Kleiner Igeltanrek

Der Kleine Igeltanrek (Echinops telfairi) befindet sich bereits seit einigen Jahrzehnten in der Heimtierhaltung. Vor allem in der Terraristik-Szene ist er durchgehend beliebt gewesen. Als die vielen Mutanten des Afrikanischen Weißbauchigels (Atelerix albivestris) einen großen "Igel-Boom" auslösten, eroberten auch Tanreks ein neues Publikum. Heute findet man den Kleinen Igeltanrek als beliebtesten Vertreter der Tanrekartigen (Afrosoricida) sowohl in Zoologischen Gärten als auch in Privathand bei Terrarianer_innen, Kleinsäugerexpert_innen und Liebhaberhalter_innen.

Biologie

Der Kleine Igeltanrek (Echinops telfairi, Martin 1838) gehört zur sehr interessanten und vergleichsweise neu festgelegten Tiergruppe der Afrotheria. Anders als Aussehen und Namensgebung also vermuten lassen, besteht keine nähere Verwandtschaft zur Familie der Igel (Erinaceidae), sondern vielmehr zu Rüsselspringern und Erdferkeln. Die Art kommt ausschließlich auf Madagaskar vor und bewohnt hier vegetationsreiche Gebiete im Süden und Südwesten. Bevorzugt werden Trockenwälder, Dornbuschwälder und Galeriewälder, jedoch wurden auch schon Exemplare in offenem Grasland nachgewiesen. (Goodman et al 2015).

Die Körperlänge beträgt 14 bis 18 cm, das Gewicht ist jahreszeitlichen Schwankungen unterlegen und variiert zwischen 110 und 230 g (Kupitz 2000). Das charakteristischste Merkmal ist die Körperoberfläche. Bis auch auf den spärlich behaarten Bauch und das Gesicht mit den kleinen Augen ist der gesamte Körper mit kurzen, spitzen Stachelborsten bedeckt. Die Färbung der einzelnen Stacheln reicht von hellbraun bis fast schwarz. Oft lässt sich entlang der Wirbelsäule ein breiter, dunkler gefärbter Streifen erkennen. Hin und wieder fallen Züchter_innen mit hauptsächlich sehr hellen oder sehr dunklen Individuen in den Beständen auf. Wahrscheinlich basieren solche Stämme auf Tieren aus bestimmten Fanggebieten und/oder auf gezielter Zuchtauslese. Lediglich Poduschka (1976) meldet ein albinotisches Tier. Männchen und Weibchen sind äußerlich nicht leicht zu unterscheiden. Zur Paarungszeit sind Männchen an den leicht geschwollenen Augenringen zu erkennen, aus welchen sie gelegentlich weißes Sekret absondern.
Echinops telfairi lebt vornehmlich als nachtaktiver Einzelgänger. Auf der Suche nach Nahrung bewegt sich der Igeltanrek sowohl auf dem Boden als auch in Bäumen und Sträuchern (semiarboreal). Den Tag verbringt er schlafend in Baumhöhlen, Felsspalten und auch selbst gegrabenen Höhlen.

 

Trockenschlaf

 

Weit verbreitet ist die Empfehlung, Tanreks zwischen Oktober und März für zwei bis vier Monate ruhen zu lassen. Hierbei handelt es sich nicht um einen Winterschlaf, wie man ihn von Tieren der gemäßigten Breitengrade kennt. Vielmehr handelt sich hierbei um einen Trockenschlaf. Dieser findet bei wildlebenden Kleinen Igeltanreks während des Südwinters zwischen Mai und September statt. Durch den geringen Niederschlag geht das Nahrungsangebot stark zurück, zusätzlich sinken in manchen Regionen des Verbreitungsgebietes auch die Temperaturen. Die Tiere werden träge und lethargisch, ebenso geht der Appetit zurück. Da man davon ausgeht, dass eine ausgiebige Ruhephase wichtig für den Nachzuchterfolg im Sommer ist, wird empfohlen, Kleine Igeltanreks auch in der Heimtierhaltung ruhen zu lassen. Am einfachsten ist dies tatsächlich zur Winterzeit, wenn die Temperaturen sinken. Aufgrund ihrer relativ schlechten Fähigkeiten ihre Körpertemperatur aufrecht zu halten, fallen die Tiere bei unter 20°C Umgebungstemperatur schnell in Torpor. In dieser Zeit wachen Kleine Igeltanreks nur selten auf, um Nahrung aufzunehmen. Es sollte für diesen Fall immer Futter und Wasser zur Verfügung stehen. Mit steigenden Temperaturen werden die Tanreks auch wieder munter und der Appetit nimmt zu.

Haltung

Bei der Recherche im Internet stößt man auf unterschiedliche Angaben zur optimalen Haltungsform. Im deutschsprachigen Raum dominieren eindeutig die Empfehlungen, die Tiere in umgebauten Schränken oder hohen (Holz-)Terrarien jeweils mit guter Luftzirkulation zu halten. Demgegenüber findet man in englischsprachigen Facebookgruppen häufig Fotos von Tanreks in hohen Gitterkäfigen, wie man sie aus der Rattenhaltung kennt.
Unabhängig davon, auf welchen Behälter die Entscheidung letztendlich fällt, brauchen die Tiere ausreichend Möglichkeit zum Laufen und Klettern. Bei den Abmessungen empfiehlt das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (2014) allgemein für "Igeltenreks und andere 1 m² für 1 – 2 Tiere." bei einer Höhe von mindestens 1 m, bittet jedoch an anderer Stelle die Angaben im Schulungsordner Kleinsäuger des Bundesverband für fachgerechten Natur-, Tier- und Artenschutz e. V. zu beachten.

Da E. telfairi in (sub)tropischen Regionen beheimatet ist, sollte das Klima im Terrarium entsprechend angepasst werden. Bei Temperaturen unter 20 °C sind die Tiere wenig aktiv, weshalb es sich empfiehlt, den Behälter auf etwa 22 - 26 °C zu heizen. Tagsüber können einzelne Orte mit Lampen bestrahlt werden um verschiedene Temperaturzonen zu erreichen: Zum einen Sonnenplätze (bis 32 °C), die manche Tanreks gerne nutzen und zum anderen kühlere Orte. Ebenfalls beliebt sind feuchte Bereiche im Bodengrund. Dieser kann ab und an lokal mit einer Blumenspritze bespüht werden.
Während warmen Sommertagen und in der Winterruhe sollten die Lampen abgeschaltet bleiben.
Als Bodengrund wird oftmals Torf empfohlen, was jedoch aus ökologischer Sicht kritisch hinterfragt werden sollte. Unproblematischer sind Kokoshumus und Pinienrindenstreu aus der Terraristikabteilung. Von normaler Kleintierstreu aus Holzspänen, Hanf oder Leinen wird größtenteils abgeraten, da diese mit dem Futter aufgenommen werden und die Verdauung stören können. Weiche Materialien wie Laub, Moos, und Heu eignen sich als Nistmaterial.
Die weitere Ausstattung des Terrariums oder Käfigs sollte aus verschiedenen Versteck- und Klettermöglichkeiten bestehen. Hier eignen sich vor allem Korkröhren und Korkeichenäste. Auch Kokosnüsse, Hamsterhäuser und selbst enge senkrechte Spalten werden als Unterschlupf akzeptiert. Zwar klettern Igeltanreks sehr gern und geschickt, jedoch bereiten ihnen allzu glatte Äste und dünne Zweige Schwierigkeiten. Kork, Obstbaum- und Eichenäste mit rauer Borke sind deutlich beliebter als sandgestrahlte Weinreben oder Äste mit glatter Rinde. 
Immer öfter werden auch Laufräder und sogenannte Laufteller empfohlen. Nicht alle Tiere nutzen solche Beschäftigungs- und Ertüchtigungsmöglichkeiten, jedoch sollte in jedem Fall darauf geachtet werden, dass der Durchmesser ausreichend groß (30 cm) ist und die Laufgeräte keine Verletzungsgefahren bergen. Von Zeit zu Zeit nehmen Tanreks gerne ein Sandbad. Hierfür eignet sich eine flache Schale mit Chinchillasand, die regelmäßig oder dauerhaft angeboten werden sollte.

 

Sozialverhalten

 

Freilandbeobachtungen zeigen, dass E. telfairi eher solitär lebt und nur zu bestimmten Anlässen mit Artgenossen zusammentrifft. Während englischsprachige Haltungsberichte oft Einzelhaltung empfehlen und die Paar- oder Gruppenhaltung zumindest als mögliche Optionen erwähnen, ist es in den meisten deutschsprachigen Texten umgekehrt.
Die meisten Texte sind sich jedoch einig, dass Männchen untereinander sehr aggressiv sein können und insbesondere zur Paarungszeit nicht zusammen gehalten werden sollten. Die Haltung von Paaren oder kleinen Harems (1,2 bzw. 1,3) stellt jedoch kein Problem dar. Ebensowenig Kleingruppen von zwei oder mehr Weibchen. Die Tiere agieren miteinander und sind somit täglich beschäftigt.
Die Zusammenführung zweier sich fremder Igeltanreks stellt bei gegengeschlechtlichen Tieren meist kein Problem dar. Besonders nach dem Torpor kommen Männchen und Weibchen schnell in Brunst und nehmen die ihnen vorgesetzten Partner meist unkritisch an. Die Vergesellschaftung von erwachsenen Weibchen verläuft in den meisten Fällen ebenfalls problemlos.

Ernährung

Die Ernährung wildlebender E. telfairi ist nicht umfassend erforscht. Den größten Teil der Nahrung machen Insekten, Spinnentiere und andere Wirbellose aus. Wahrscheinlich werden auch kleine Wirbeltiere und Früchte aufgenommen.
In der Heimtierhaltung hat sich die Fütterung mit lebenden Insekten bewährt. Hierfür eignen sich alle im Zoofachhandel angebotenen Arten. Mit ihrem feinen Geruchsinn können Igeltanreks auch im Substrat versteckte Käferlarven oder Würmer aufspüren. Ebenso verfügen sie über ein feines Gehör und jagen geschickt auch schnellere Beutetiere wie etwa Grillen, Heuschrecken oder Schaben. Der Appetit der Tiere scheint zu bestimmten Jahreszeiten keine Grenzen zu haben. Schon bei der Haltung von nur zwei Igeltanreks lohnt es sich, über eine kleine Futtertierzucht nachzudenken (Zophobas und Mehlwürmer, Schokoschaben).


Alternativ können auch Küken und Mäuse in jeglicher Größe angeboten werden. Mittlerweile bieten viele Zoofachgeschäfte Frostfutter an, welches von den meisten Tanreks angenommen wird. Wichtig ist hierbei, dass die gefrorenen Tiere schonend und vollständig aufgetaut werden und Futterreste am Folgetag vollständig entfernt werden.
Es empfiehlt sich, neben der täglichen Versorgung mit Futtertieren stets eine Schale mit Trockenfutter anzubieten.Während wenige Halter_innen speziell gemischtes Igelfutter anbieten, gebrauchen die meisten anderen Katzenfutter. Besonders gute Eigenschaften hat hochwertiges Trockenfutter für Kitten. Die Marke kann per Email erfragt werden. Einige Quellen empfehlen auch gekochte Eier, Joghurt und Quark als Ergänzung und Abwechslung. Da viele Tanreks angebotenes süßes Obst oder Gemüse in jeglicher Darreichungsform verschmähen, kursiert seit längerem der Hinweis, Multivitaminpasten für Katzen anzubieten.
Wasser sollte immer vorhanden und erreichbar sein. Die Tanreks trinken sowohl aus dem Napf als auch aus Kleintiertränken mit Kugelventil.

 

Da Kleine Igeltanreks in den kälteren Monaten keinen Appetit haben und besonders im Sommer dafür geradezu verfressen sind, ist die Bestimmung der richtigen Futtermenge schwierig und die Gefahr von Verfettung relativ hoch. Aus diesem Grund sollte das Gewicht der Tiere regelmäßig kontrolliert werden. Je nach Größe sollten die Tiere 110 - 230 g wiegen und dabei einen kräftigen aber nicht fettleibigen Eindruck machen.

Zucht

Die Zucht von Echinops telfairi wurde in der Vergangenheit oft als heikel und selten von Erfolg gekrönt beschrieben. Mittlerweile gibt es jedoch gute Erfahrungswerte und den meisten Halter_innen gelingt die Zucht schon beim ersten Versuch.
Die Paarungszeit beginnt fast unmittelbar nach dem Aufwachen aus dem Trockenschlaf. Diese Ruhephase von durchschnittlich drei Monaten wird als notwendig für eine funktionierende Zucht angesehen. Hat das Männchen mit einem oder mehreren Weibchen gemeinsam überwintert, kann es bis einige Zeit dauern, bis Paarungsstimmung aufkommt. Treffen Männchen und Weibchen die allein überwintert haben, aufeinander kann es jedoch sofort zu Paarungsversuchen kommen.

Brünstige Männchen haben eine geschwollene Stirn und sondern in Anwesenheit von Weibchen eine milchige weiße Flüssigkeit aus den Augen ab. Verfügbare Weibchen werden von den Männchen verfolgt und dauerhaft besprungen. Die Paarungen kommen mehrfach pro Nacht vor, können sich sehr lange hinziehen und auch relativ laut sein. Während die Weibchen fortlaufend quieken ist von den Männchen sporadisch ein eher grollendes Schnaufen zu vernehmen. Oft erst nach einigen Wochen der Brunst legt sich das Werbungsverhalten des Männchens und die Tiere kommen allmäglich wieder zur Ruhe.

 

Die Tragzeit von Echinops telfairi wird meist mit 60 - 65 Tagen angegeben, einzelne Berichte nennen nur bis zu 52 Tage (Künzle 1998). Trächtige Weibchen verändern sich in Verhalten und Aussehen. Erstes Erkennungsmerkmal sind der gesteigerte Appetit und damit einhergehend auch die Gewichtszunahme und der stetig wachsende Körperumfang. Gegen Ende der Trächtigkeit beginnen Weibchen ein Wurfnest zu bauen und sollten ausreichend Nistmaterial erhalten. Hier eignen sich Heu, Stroh, weiches Laub, Zellstoff oder Baumwollstreu. In den letzten Tagen vor der Geburt schwellen die Zitzen sichtbar an. Ein Wurf umfasst durchschnittlich 3 - 6 Jungtiere. In besonderen Einzelfällen werden auch bis zu 11 Welpen geboren. Das Geburtsgewicht liegt je nach Quelle zwischen 5 und 10 g. Die Jungtiere sind bei der Geburt nackt, blind und taub. Bereits nach wenigen Tagen treten die Stachelspitzen durch die Haut, nach 9 - 14 Tagen öffnen sich die Augen. Etwa gegen Ende der dritten Lebenswoche beginnen die Jungen die nähere Nestumgebung zu erkunden und Dinge auf Fressbarkeit zu testen. In der folgenden Zeit wird immer weniger Muttermilch und dafür mehr feste Nahrung aufgenommen. Mit etwa fünf Wochen ist der Wurf komplett entwöhnt und frisst selbstständig. Während einige Züchter_innen entwöhnte Jungtiere sofort absetzen, lassen andere die Familie so lange es möglich ist zusammen. Die Trennung nach Geschlechtern ist in diesem Alter ohnehin sehr schwierig, da die äußeren Geschlechtsmerkmale noch nicht ausgeprägt sind. Zum anderen ist die Trennung auch nicht unbedingt notwendig: Die Geschlechtsreife tritt erst nach dem ersten Trockenschlaf ein.

mehr

Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (2014): Gutachten über Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren

 

Goodman, S., P.J Stephenson & V. Soarimalala (2015) Echinops telfairi. The IUCN Red List of Threatened Species 2015: e.T40592A21290130. http://dx.doi.org/10.2305/IUCN.UK.2015-4.RLTS.T40592A21290130.en.

 

Künzle, H. (1998): Care and breeding of the Madagascan hedgehog tenrec, Echinops telfairi, under laboratory conditions. Der Tierschutzbeauftragte 1/98

 

Kupitz, D.G. (2000): Anmerkungen zum Kleinen Igeltanrek (Echinops telfairi). Mitteilungen der Bundesarbeitsgruppe (BAG) Kleinsäuger e.V., 3/2000

 

Poduschka, W. (1976): Über einen albinotischen Tenrek (Echinops telfairi). Bonner Zoologische Beiträge, Nr. 27